Freitag, 16. März 2012

Nesseln und Wilde Rosen

Liebe fragte Liebe: "Sag, weshalb Du weinst?"
Raunte Lieb zur Liebe: "Heut' ist nicht mehr wie einst."
Liebe klagte Liebe: "Ist's nicht wie vorher?"
Sprach zur Liebe Liebe: "Nimmer - nimmermehr."
Diese Verse hat Börries Freiherr von Münchhausen geschrieben. Damit endet seine Ballade vom Brennnesselbusch, die das Märchen von der Jungfrau Maleen behandelt - ein einfaches Mädchen, geliebt von einem König, der eine Königstochter heiraten muss. Er hatte aber Maleen an einem Brennnesselbusch ewige Treue geschworen und kann sie nicht vergessen. Die ungeliebte Königin findet es heraus und nimmt sich das Leben, Maleen weist dann den König ab - es "ist nicht wie vorher, nimmer, nimmermehr." Eine Geschichte von Unaufrichtigkeit, geheuchelter Liebe, verleumdeter Liebe, verschmähter Liebe. Wie alle Märchen trägt auch dieses einen Kern von Wahrheit, der immer weitergegeben wird, durch mündliches Erzählen von einer Generation an die andere, über Jahrhunderte hin. Das "Urwissen" über diese Erfahrungen, die jedem irgendwann begegnen können, über die Bedeutung von Hass, Eifersucht, Neid, Angst, Schuld, aber auch von Liebe, Treue, Mut und Glauben - dieses Urwissen wird im Erzählen der Märchen und Mythen weitergegeben. Wenn große Lebenskrisen eintreten, hilft es im Unterbewusstsein die Krise zu bewältigen, zu überstehen, Lösungen zu finden. Auch der Tod ist eine große Lebenskrise, die allergrößte....

Lord Marchmain stirbt und er redet mit sich selbst, erzählt Charles. "Er redete, glaube ich, weil seine Stimme die einzige war, der er Glauben zu schenken vermochte, wenn sie ihm versicherte, dass er noch lebe..." Er spricht von den "unfruchtbaren Mulden am Schlossberg, bei den wilden Rosen und Nesseln - das wiederholt er - wo seine Wurzeln waren, bei den Gräbern der Ritter und Barone, bei der alten Kirche, der "Stifterkapelle, in der kein Geistlicher singt".
Als ich das las, war es für mich ein starkes Bild. Diese alten Grabmäler, die Kapelle, überwuchert von wilden Rosen und Brennnesseln - eine Art Dornröschenschloss, zu dem keiner hingelangen kann ohne sich zu verletzen. Ja, auch die Rosen haben ihren Platz in den Märchen. Wer will die Hecke aus Rosen überwinden, wer näht sieben Hemden aus Nesseln und spricht dabei kein einziges Wort? Einer der liebt. Und was bedeutet es, so zu lieben, dass man all das auf sich nimmt, warum strebt ein Mensch nach der Liebe? Weil er auf die Unsterblichkeit hofft.

Lord Marchmain liegt und erzählt sich selbst von seinem achtsamen Leben, von seiner Kraft, seiner "guten Form". Er kämpft und sucht einen Ausweg aus der Höhle, aus dem Berg in dem er begraben scheint - der schlafende König, der wartet, dass die Raben aufhören um seinen Berg zu kreisen und er dann wieder aufstehen kann. Irgendwann fragt er nach der Kapelle. Er erinnert sich an sie, als ein Geschenk für seine Frau. Sucht er nach einer Rechtfertigung?
 "Sie hat ihr gehört. Ich habe sie ihr geschenkt. ....Ich habe sie für sie gebaut....habe sie in der Kapelle gelassen, betend. Das war der richtige Platz für sie. Bin nie zurückgekommen, ihre Gebete zu stören."
Ja, das sind die üblichen Ausreden. "Was machst du mir Vorwürfe? Schau doch mal was ich dir geschenkt habe! Ich hätte dich ja doch nur gestört!"
Und Cordelia bejaht seine Frage, ob das ein Verbrechen war.
Die Brennesseln, die wilden Rosen. Die uralten Pflanzen, die immer in der Nähe von Menschen zu finden sind. Sie haben den Lord zu dem Wissen tief in seiner Seele geführt, dass nicht genug Liebe da war, um den Dornenwall zu überwinden. Wenn man etwas weiß, erkannt hat, kann man es bereuen. Man kann Buße tun, aus Liebe zu sich selbst - und zu Gott! Welch eine Chance, Pfarrer Mackay sagt es: "Christus ist nicht gekommen, die Gerechten zur Buße aufzurufen, sondern die Sünder." Wie schön ist das Gleichnis vom verlorenen Sohn - wie ein Märchen.
Wenn genug Liebe da ist, um die Reue zuzulassen, um der Liebe Gottes willen, dann kann das Wunder seinen Anfang nehmen. Im Märchen "Fundevogel" fliehen zwei Kinder vor einer bösen Zauberin, sie retten sich durch die Verwandlung."Werde Du ein Rosenstöckchen, und ich das Röslein daran", "werde Du eine Kirche, und ich eine Krone darin!" Am Ende, als die Köchin, die Hexe sich selbst auf den Weg macht, können die Kinder sie besiegen: "werde Du ein Teich, und ich eine Ente darauf". Zwei Bilder aus der Natur - Rose und Teich - bilden den "Rahmen" für die Kirche mit der Krone. Damit ist das "Allerheiligste" gemeint, glaube ich, der innere Raum, die Seele. Das heißt, es gehört auch dieses Bild mitten in die Natur!

"Verlässt Du mich nicht, so verlass ich Dich nicht", sagt das Lenchen im Märchen Fundevogel. Und Fundevogel antwortet: "Nun und nimmermehr"
Lord Marchmain entschließt sich am Ende, seinen Gott nicht zu verlassen. Dank der Liebe, die ihm die Chance gab, sich zu entscheiden.