Samstag, 3. März 2012

"So small a thing to ask"

Dickens schrieb sie, Thackeray schrieb sie, George Eliot schrieb sie: Das neunzehnte Jahrhundert liebte Sterbebettszenen.

Es ist, als müsste sich das Jahrhundert des schwindenden Glaubens noch einmal der einen Sache vergewissern, die unbezweifelbar ist: Hier ist des Bleibens nicht, wir alle müssen dahin.

Omnes una manet nox.

Und so sehen wir die Guten dahingehen, getröstet im Glauben, und die Schlechten, am Ende eines üblen Erwachens gewiss. Und versammelt um die Scheidenden die andren, die nach dem letzten Akt ins Leben zurückkehren, ernüchtert und gestärkt im Glauben.

Man liest diese Szenen heute nicht ohne Unbehagen. Man fühlt die Absicht, und man ist verstimmt.

"Brideshead Revisited"  kulminiert in einer solchen Sterbebettszene, was das Unzeitgemäße des Romans unterstreicht, der auf den ersten Blick so modern, so urban und sophisticated daherkommt.

Der Herr des Hauses stirbt, Lord Marchmain, ein Exilant, der zum Sterben heimgekehrt ist, die ungeliebte Geliebte an seiner Seite, und Katholik nur aus Konvenienzgründen.

Er will nicht sterben, ganz und gar nicht, er klammert sich mit aller Kraft (und er ist auch noch im Alter ein kraftvoller Mann) ans Leben, und als sein frommer Sohn einen Priester ruft, kommt es zu einer höchst unerfreulichen Szene und zur Enterbung Brideys.

Aber Lord Marchmains Überlebenskampf kann die Agonie nur verlängern; wer in diesem Kampf obsiegen wird, ist nie zweifelhaft.

Und so entspinnt sich die Kontroverse um die last rites erneut, diesmal nicht zwischen Bridey und dem Vater, sondern zwischen dem Agnostiker Charles Ryder und seiner Geliebten Julia, der selbstbekennenden 'halben Heidin', für die es in diesem Zwist um alles geht: die ewige Seligkeit nämlich - nicht nur die ihres todgeweihten Vaters, sondern auch ihre eigene, dämmert ihr doch, dass kein Segen dabei ist, mit einem (und sei es auch noch so geliebten) Mann in Sünde zu leben.

Charles, nicht gewillt, kampflos aufzugeben, verwickelt - darin dem verachteten Rex Mottram sehr ähnlich - die Familie in eine nutzlose theologische Kontroverse und ruft die säkulare Weisheit des Jahrhunderts in Gestalt eines Arztes zur Hilfe; umsonst, denn Julia hat sich längst entschieden.

Der wenige Wochen zuvor von Lord Marchmain noch des Zimmers verwiesene Priester wird erneut gerufen.

Charles Ryder aber überrascht sich selbst im Gebet um ein Zeichen:
"I suddenly felt the longing for a sign, if only of courtesy, if only for the sake of the woman I loved who knelt, I knew, praying for a sign. It seemed such a small thing that was asked - the bare acknowledgement of a present. A nod in a crowd. I prayed more simply: 'God forgive him his sins and please, God, make him accept your forgiveness.' So small a thing to ask."
Und das Wunder geschieht: Nachdem ihm das Sterbesakrament gespendet worden ist, bekreuzigt sich der schon bewusstlose und doch reuige Sünder mit letzter Kraft und stirbt.

Viele Literatenfreunde haben sich betreten von Waugh abgewendet, der in dieser Szene seine beträchtlichen schriftstellerischen Fähigkeiten in den Dienst unartistischer Erbauungsliteratur gestellt zu haben scheint.

Und verlässt Waugh hier nicht tatsächlich den Königsweg realistischer Literatur, die eben mit der Verbannung göttlichen Wirkens aus dem menschlichen Treiben anhebt? Ist es nicht ein enormer (nicht nur künstlerischer, sondern: geistiger) Rückschritt, Gott wie einen 'deus ex machina' zur Auflösung des Romankonfliktes zu bemühen?

Ich denke nicht, dass es auf diese Fragen eine neutrale Antwort gibt.

Dem einen mag die Szene gestellt erscheinen, effekthascherisch und unglaubwürdig, für den anderen spricht sie eine Wahrheit aus, für die seit zweitausend Jahren Millionen gelebt haben und gestorben sind: die Wahrheit über das menschlich-unmenschliche Treiben, das eben eines Gottes bedarf, um nicht ganz und gar unheilvoll zu enden.
So small a thing to ask?
Wir kennen den Preis, der für die Vergebung unserer Sünden gezahlt worden ist.

Rogier van der Weyden, Christus am Kreuz, um 1460