Montag, 27. Februar 2012

Ich MUSS den Efeu sehen ....


"Ach, Charles, Sie haben noch eine Menge zu lernen!"  Das sagt Sebastian, mit einem leicht amüsierten Unterton, als Charles eingesteht, dass er noch nie im botanischen Garten war. Es scheint ein "Muss", dort hin zu gehen, wie so vieles ein "Muss" ist, wenn man als junger Mensch einer Gruppe angehören will. Ich muss die ersten Kiebitzeier haben ... ich muss bei diesem und jenem Schneider arbeiten lassen.... ich muss um diese Zeit einen Champagner nehmen!
Aber die Blumen und Pflanzen sind wohl ein wirkliches "Muss" in den Erinnerungen von Charles Ryder. Die Blüte der Levkojen unter seinem Fenster war ein wichtiger Grund, sich das Zimmer zu wählen, das er bewohnte, und es behalten zu wollen. Trotz einiger Nachteile, und trotz der Predigten seines Vetters. Aber davon später mehr. Jetzt will ich - ich muss - über den Efeu nachdenken.
In England spielt er schon seit "ewigen Zeiten" eine wichtige Rolle, der vielgestaltige Efeu. Als immergrünes Gewächs ist er, wie die Stechpalme,(Ilex aquifolium) bedeutsam in den "Wintermysterien", und die sind auf altes walisisches Brauchtum zurück zu führen. Die Häuser wurden zur Wintersonnenwende mit Stechpalme, Efeu und Misteln geschmückt. Das erhielt sich bis auf den heutigen Tag! Auf den britischen Inseln kam es wohl weniger als andernorts nach der christlichen Missionierung zu einem Bruch mit vorchristlichen Traditionen. Noch heute singt man Lieder, oft in der Weihnachtszeit, die das eine mit dem anderen verbinden, wie zum Beispiel :
Green grow'th the Holly

Green grow'th the Holly
So doth the Ivy
The God of live can never die
"Hope!" saith the holly


Grün wächst die Stechpalme
wie auch der Efeu
der Gott des Lebens kann nie sterben!
Zuversicht! sagt die Stechpalme.

"Ich weiß nicht, was ich ohne den botanischen Garten täte", meint Sebastian.
 Tja, für mich stellt sich das so dar: Da gibt es einen wunderschönen Bogengang, der führt zu mehr verschiedenen Arten Efeu, als man sich vorstellen kann. Zu ganz viel Nachdenken. Über die Zuversicht. Über die Hoffnung. Über den Gott des Lebens. Ich kann ihn verstehen, den Sebastian! Wenn man sich einlässt auf die Schönheit der natürlichen Dinge und auf ihre Bedeutung, geht man zurück zu seinen Wurzeln.

Im Fall des Efeus ist das etwas ganz Besonderes. Er hat eine bedeutungsvolle Signatur. Er klettert, er schlängelt sich, er kriecht und hält sich mit seinen Haftwurzeln fest an Hauswänden, Mauern, Baumstämmen. Die Blätter, wenn sie jung sind, haben eine andere Form als im Alter: Jung sind sie fünf- oder dreilappig, im Alter oval. Die jungen Triebe blühen nicht. Die alten tragen doldenförmige Blüten, grünlich - gelb, die stark duften und eine späte Nahrung für die Bienen und für Fliegen darstellen.

 Der Efeu blüht erst ab September, manchmal bis in den Dezember hinein! Bis zu vierhundert Jahre kann die Pflanze alt werden, und dabei ist sie ein Fossil - es gab den Efeu schon in der Kreidezeit.
Nun geht da ein junger Mann zurück zu seinen Wurzeln, wenn er auf den Efeu schaut. Wurzeln, die sich um alte Gemäuer winden - wie wahr! Die andere ersticken, einengen, übernehmen, das Leben aus ihnen saugen. Aber sie erblühen auch und nähren - im Alter. Sie verändern ihre Form. Sie sind Relikte, Fossilien, und doch tragen sie das Prinzip der Hoffnung.
Ich habe gelesen, dass Efeusaft von klassischen Autoren als ein "berauschendes, wahnsinnig machendes" Getränk beschrieben wird, wenn er in den Wein gemischt wird. (Plutarch, Plinius). Wie alle Giftpflanzen ist er auch eine Heilpflanze. Er wurde zur inneren Reinigung eingesetzt, wirkt gegen Rheuma und Gicht, ist schweißtreibend und fiebersenkend.
Wenn wir Menschen lauschen auf das, was uns die Wesen der Schöpfung sagen wollen, können wir Heilung erfahren. Sebastian ist auf der Suche nach Heilung. Deshalb muss er in den Garten gehen, muss er den Efeu sehen, ja, wirklich!
Wie wird er wirken auf ihn?