Freitag, 10. Februar 2012

Im Labyrinth des Menschlichen

Castle Howard House

„Das einzige, worauf ich noch hoffen kann, ist, daß ich mein Leben in menschlicher Weise in irgendeine Ordnung bringe, bevor alle menschliche Ordnung zu Ende ist.“

„All I can hope to do is to put my life in some sort of order in a human way, before all human order comes to an end.”

Wer hätte nicht schon ähnliches gedacht, gehofft. Julia jedenfalls wird bald finden, daß diese ihre Vorstellung, dem Leben noch einmal eine lebbare Form zu geben, keinen Bestand haben darf. Sie wird, sie kann Charles nicht heiraten. Was so banal klingt, ist ein Stück des großen Dramas, das in diesem äußerlich doch eher schmalbrüstigen Buch ausgespannt wird, und wir verfangen uns fast in den Rätseln dieser leidenden Akteure wie in einem Spinnwebwald.

Noch einmal ein Blick auf „Brideshead“ also. Ja, sie alle leiden, in sehr verschiedener Weise, manchen ist es nicht einmal bewußt. Und uns bleibt meist die Ursache rätselhaft; als ob es im „tatsächlichen“ Leben (zugegeben ein die Literatur beleidigender Straßenausdruck) irgend anders wäre.

Lady Marchmain, die Mutter Sebastians, eine charmante, honorige Frau, wie man dem Buch entnehmen muß, wird von ihrem Mann zutiefst gehaßt. Er flieht buchstäblich vor ihr, nach Venedig. Und ihr Sohn sah in Charles wohl eine der Möglichkeiten, ihr, seiner Familie, zu entkommen, eine Absicht, die sie, offenbar Charles' geheime Sehnsüchte durchschauend, souverän durchkreuzte, indem sie ihn in ihre Welt hineinzog, ein wenig und zuviel.

Sebastian: „Bist du auf ihre Seite übergegangen?“
Charles: Noch einen Tag vorher hätte ich geantwortet: Es gibt keine zwei Seiten; so aber sagte ich: „Nein, ich bin auf der deinen: 'Sebastian contra mundum‘.“

„Have you gone over to her side?“
The day before I would have said: „There aren't two sides“; that day I said, „No, I'm with you, Sebastian contra mundum.“

Wir fürchten, er war hierin schon nicht mehr aufrichtig. Und wir bekommen zwar so eine Ahnung von dem, was von ihr ausging, aber eine Erklärung, nein, die erhalten wir nicht.

Ihre Tochter Julia: „Alle stellten sich auf Mamas Seite, wie immer – nicht, daß sie etwas davon gehabt hätte. Ihr ganzes Leben lang hat Mama das Mitgefühl aller genossen, nur nicht derer, die sie geliebt hat.“

„Everyone took Mummy's side, as everyone always did – not that she got any benefit from it. All through her life Mummy had all the sympathy of everyone except those she loved.

Und Sebastians finale Bemerkung: „Arme Mama. Sie war wirklich eine femme fatale, nicht wahr? Jede Berührung hat getötet.“

„Poor Mummy. She really was a femme fatale, wasn't she. She killed at a touch.“

Wir bleiben ratlos angesichts solcher Beobachtungen. Ein Mensch von guten Absichten, wie es scheint, treibt die Nächsten so sehr von sich, weil sie fürchten, sich in Sicherheit bringen zu müssen. Aber dennoch bleibt jeder Person dieses Buches, sagen wir, jeder merkwürdigen Person dieses Buches, ihr Geheimnis, zu dem wir letztlich nicht vordringen, aber welches Recht hätten wir auch.

Die Intentionen eines Menschen stehen zu dem, was er bewirkt, zu oft zu sehr in einem so auseinanderklaffend a-logischen Zusammenhang, daß der Ausweg in die Banalität manchmal wohl eher einer Art Notwehr entspricht.

Das gilt selbst für Götter, jedenfalls der erste Teil des Satzes, wenn wir Carl Gustav Jung folgen wollen. Jung beschreibt in seinem Buch „Antwort auf Hiob“ (um es so banausisch vergröbernd zu sagen, daß es schon wieder falsch wird), wie Gott gewissermaßen erwachsen wird. Der Gott des Alten Testaments habe sich so sehr in eine psychologische Ausweglosigkeit gebracht, daß er sich nur noch mit dem Erscheinen seines Sohnes dort herausretten konnte. Aber kann die Gnade nur wirken, wenn das Leiden vorher ausreichend total war, was für eine bizarre Vorstellung von einem Gott. Aber wir schweifen ab.

Die fromme Cordelia weiß es anders. Sie findet in der Spur des Leidens die Chiffre des Heiligen (und darüber, hier abbrechend, wollen wir ein wenig versuchen, für uns nachzudenken):

Cordelia im Gespräch mit Charles über Sebastian:

„Er war ein sehr heiliger alter Mann, und er erkannte Heiligkeit in den anderen.“
„Heiligkeit?“
„O ja, Charles, das mußt du dir über Sebastian klarmachen.“

„He was a very holy old man and recognized it in others.“
„Holiness?“
„Oh yes Charles, that's what you've got to understand about Sebastian.“

Charles: „Ich dachte an den vergnügten jungen Menschen mit dem Teddybären unter den blühenden Kastanienbäumen. „Es ist nicht gerade das, was man ihm prophezeit hätte“, sagte ich. „Er leidet wohl nicht?“

Cordelia widersprechend: „Man kann sich nicht vorstellen, was für ein Leiden das wohl ist, so verstümmelt zu sein wie er – keine Würde, keine Willenskraft. Kein Mensch kann je ohne Leiden heilig sein. Bei ihm hat es diese Form angenommen…“

Charles: I thought of the joyful youth with the Teddy-bear under the flowering chestnuts. „It's not what one would have foretold,“ I said. „I suppose he doesnn't suffer?“

Cordelia: „... One can have no idea what the suffering may be, to be maimed as he is – no dignity, no power of will. No one is ever holy without suffering. It's taken that form with him...“

Anthony Andrews, 1982

beendet am 11. 2.