Freitag, 3. Februar 2012


Hochwürdiger Vater Symeon,

nun habe ich begonnen "Brideshead Revisited" zu lesen - wir hatten es ja in unserem letzten Gespräch kurz erwähnt; ich denke, Sie erinnern sich. Wahrlich, wie vielschichtig, wie differenziert geht es da zu! Ich habe noch keinen Bösen und keinen Guten unter den handelnden Personen ausmachen können - nur Menschen.
"Et ego in Arcadia". Erst im 17. Jahrhundert taucht dieser Spruch auf, gleichsam als Mahnung des Todes: "Auch ich bin im paradiesischen Arkadien." Das 18. Jahrhundert meint hier zu vernehmen: "Auch ich [sterblicher Mensch] war in Arkadien."  Zu der Zeit verschwinden dann auch die Totenköpfe in den gemalten Variationen des Themas. Die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies wütet so stark in Sebastian und Charles, daß man selbst mitgerissen wird; es ist der cantus firmus in vielen von uns. Und da ein Schlüsselsatz: "I was being given a brief spell of what I had had never known, a happy childhood, and though its toys were silk shirts and liqueurs and cigars and its naughtiness high in the catalogue of of grave sins, there was something of nursery freshness about us that fell little short of the joy of innocence." Eine Anarchie, der auch Felsen nicht standhalten können. Das ist kindlich, menschlich im besten Sinne, wird doch in Kindheit und Adoleszenz der künftige Held geformt, und so kann Charles auch das innewaltende Gesetz verdeutlichen: "All the wickedness of that time was like the spirit they mix with the pure grape of the Douro, heady stuff full of dark ingredients; it at once enriched and retarded the whole process of adolescence as the spirit checks the fermentation of the wine, renders it undrinkable, so, that it must lie in the dark year in, year out, until it is brought up at last fit for the table.
Es macht mich traurig zu betrachten, woher die junge Generation dieser Geschichte kommt. Die Häuser Flyte und Ryder sind bei allen äußeren Unterschieden miteinander verwandt in der Versteinerung von einstigem Leben. Da kam es zu Marmor, geadelt durch formende Künstlerhand; da entstand aber auch fossiler Brennstoff - brennende Ölfelder sind verheißen. Für die Flytes scheinen mir Worte angebracht, die ich gewöhnlich nur der Kirche zuspreche: "Trotz alledem..."
Das ist aber für Sebastian und Charles  zu früh, ich eile um Jahre, womöglich Jahrzehnte, voraus. "Leben, Mensch sein." heißt ihr Thema und dazu nehmen sie sich, was sie bekommen können. Nicht gierig, nicht kriminell, mit einem hohen Gefühl für das Schöne, für Ästhetik. Charles macht ein Bekenntnis, das für meine Generation absurder, verrückter und disqualifizierender nicht sein könnte: "This was my conversion to the Baroque. Here under that high and insolent dome, under those coffered ceilings; here, as I passed through those arches and broken pediments to the pillared shade beyond and sat, hour by hour, before the fountain, probing its shadows, tracing its lingering echoes, rejoicing in all its clustered feats of daring and invention, I felt a whole new system of nerves alive within me, as though the water that spurted and bubbled among its stones, was indeed a life-giving spring." In den Jahren meiner Arbeit als Begleiter von Gästen meines Klosters und seines Domes in Österreich war die Verzückung über barocke Kunst den Bauernweibern und Kindern vorbehalten. Der gebildete Geist hat alles konkrete als Lüge enttarnt und erlaubt sich nur noch, das Heilige in gotischen Maßverhältnissen und zwischen den Chimären romanischer Portaldämonen zu vermuten. In Wirklichkeit hat sich in den letzten Jahrhunderten nicht eine Verweltlichung ereignet, sondern die Abwendung vom  mystischen Realismus und eine Einschiffung in den Schutz eines metaphysischen Nebels.
Den jungen Helden geht es wie Schubert: "Ich wollte doch nur glücklich sein..." Sie epfinden sich als gerechtfertigt und auch ich denke so: Die Individuation des Menschen bedarf ein aufbauendes Durchschreiten aller Stadien, derart reift die Persönlichkeit heran. Zu welchem Zweck sollte man das dem Menschen verwehren, ihn dadurch gar zum Unheil für andere machen? Dennoch: In der Selbstwerdung kommt es immer wieder zu Fragen der Rechtfertigung. Darf ich meine Eltern verletzen, indem ich das Haus verlasse - muß ich es gar? Darf ich meine Ehefrau verlassen - wäre ein Bleiben zum Schaden für die ganze Familie? Dutzende Fragen dieser Art treten an das moderne Individuum heran. Wo ist  die größere Sünde - im Stehenbleiben oder Vorwärtsschreiten? "Wenn du tust, was für dich selbst gut ist, wirst du auch für die anderen ein besserer Zeitgenosse sein." Diese Formel hat einen seltsam kapitalistischen Beigeschmack der vermuten läßt, daß ihr nicht die ganze Wahrheit innewohnt. Womöglich sind nicht wir es, die den Lehrplan erstellen, sondern ein  Meister, dessen Gedanken nicht unsere Gedanken sind.
Und dennoch, Vater Symeon: Die Entscheidung ist UNS auferlegt, und WIR müssen uns verantworten. Unser ist das Urteil über Dinge, die den Verstand übersteigen. Wo ist zuverlässige Antwort?

Aufrichtig, und doch wie immer widerspenstig,
Ioann.


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Ioann, meine Freude,

wenn der Navigator des Schiffes, seiner Verantwortung bewußt, mit geschlossenen Augen das Lot konzentriert zwischen den Klippen senkt, so ist es die Tiefe, welche ihm sichere Durchfahrt anzeigt. 

Vater Symeon.

Über Aloysius &

Castle Howard
hier gefunden

Einer der bekanntesten Teddybären der gehobenen Literatur hört auf den schönen Namen Aloysius (eine Latinisierung des germanischen „Ludwig“ althochdeutsch „hluth“ wie berühmt und „wig“ wie Kampf, Krieg, und schon wird die Idylle doppelbödig). Ich gestehe, es ist der einzige bekannte Teddybär der gehobenen Literatur, den ich namentlich kenne, aber daß Dinge einzigartig sind, ist eher selten, also wird es mehr geben, von denen ich nur nichts weiß, vielleicht.

Bei Unterhaltungen über Teddybären kommt mir häufig Aloysius, Sebastians Aloysius in den Sinn. Ich will hier nicht ausbreiten, warum mich „Brideshead Revisited“ (erst die Serie, später das ihr zugrundeliegende Buch von Evelyn Waugh) noch immer derart beeindruckt, denn die Faszination dauert an bis heute. Ein Engländer zumal mag es fraglich oder erstaunlich finden, was gerade an seiner Aristokratie denn derart poetisch sein solle, daß es das Herz und die Erinnerung zu so weitausholenden Flügelschlägen veranlaßt, aber im Untergang zeigt manches erstaunliche Farben. Denn vom Niedergang (zu fürchten ist, genauer gesagt wäre vom Untergang) der britischen Aristokratie handelt jenes Buch, und von dem Vergessen-Werden der Natur der Dinge, von den neuen unvollständigen Menschen und vom Trost der Religion und vom Abenteuer der Freundschaft, davon auch.

„Brideshead“ ist ein Buch, das sein Geheimnis gegen zudringliche Blicke bewahrt, und was wäre ein Urteil anderes? Als würde man mit groben Fingern in einen diffizilen Organismus greifen. Was nun, wenn man aber dennoch etwas sagen wollte? Vielleicht indem man auf einzelne Worte blickt, denn es enthält viele solcher Art, die es vermögen, schlagartig verschwommene Einsichten zu klären oder je eigene Erinnerungen aufzureißen, sofern jemand auf derlei Empfindungen ernsthaft etwas gibt. Und dann nimmt dieses Buch einen bei der eigenen Traurigkeit und hinein in seine, und auf einmal ist man in einem gemeinsamen Raum, in dem man erkennt, wie die Dinge sein sollten, wenn sie richtig wären, und wie die Welt aussähe, wenn sie geheilt wäre.

Teddybär, aus Deutschland, etwas 1954
hier gefunden


Das Zeitalter Hoopers

Hooper, ein junger Offizier, erscheint dem Erzähler Charles Ryder wie ein Musterexemplar des neuen Menschentypos, der sich jetzt durchsetzten sollte und man bekommt dabei eine Ahnung, warum man sich in einem Zeitalter des Verlustes befindet:

„Hooper hatte nichts Romantisches. Er war als Kind nicht auf Knecht Ruprechts Pferd gesessen oder am Lagerfeuer gehockt; in dem Alter, in dem mir außer Gedichten nichts Tränen in die Augen treiben konnte …. hatte Hooper oft geweint, doch niemals über Henrys Rede am St.-Crispins-Tag oder den Grabspruch für die in den Thermophylen Gefallenen. In der Geschichte, die er gelehrt worden war, hatte es nur wenige Schlachten gegeben … diese sowie die Schlacht im Westen, in der König Artus fiel, und Hunderte solcher Namen, deren Fanfarentöne mich über all die vergangenen Jahre hinweg selbst noch in dieser dürren, entarteten Zeit unwiderstehlich anriefen, erklangen für Hooper vergeblich.“

“Hooper was no romantic. He had not as a child ridden with Rupert's horse or sat among the camp fires at Xanthus-side; at the age when my eyes were dry to all save poetry … Hooper had wept often, but never for Henry's speech on St Crispin's day, nor for the epitaph at Thermopylae. The history they taught him had had few battles in it … these, and the Battle in the West where Arthur fell, and a hundred such names whose trumpet-notes, even now in my sere and lawless state, called to me irresistibly across the intervening years with all the clarity and strength of boyhood, sounded in vain to Hooper.”

Dennoch wird dieser Hooper nicht etwa als unsympathisch beschrieben, es ist eine Art resignierender Sympathie, die dort mitschwingt. Das ist deutlich anders in der Beschreibung eines verbissen ehrgeizigen Politikers, in der auch der Schlüssel für den Verlust geliefert wird – das Zeitalter der unvollständigen Menschen, die vieles nicht sehen können, das offen zutage liegt, Dinge von großer Schönheit zerstören, weil sie deren Schönheit nicht erkennen, oder ihr keine Bedeutung beimessen…

"Weißt du, Pater Mowbray fand sofort die Wahrheit über Rex heraus… Er war einfach nicht ganz da. Er war überhaupt kein vollständiger Mensch. Er war ein unnatürlich entwickeltes Stückchen von einem Menschen; etwas in einem Glas, ein in einem Laboratorium am Leben erhaltenes Organ. Ich hatte gemeint, er wäre so etwas wie ein primitiver Wilder, aber er war etwas völlig Modernes und Neuzeitliches, wie nur unser gräßliches Zeitalter es hervorbringen kann. Ein winziges Stückchen von einem Mann, das so tat, als wäre es der ganze Mann."

"You know Father Mowbray hit on the truth about Rex at once… He simply wasn't all there. He wasn't a complete human being at all. He was a tiny bit of one, unnaturally developed; something in a bottle, an organ kept alive in a laboratory. I thought he was a sort of primitive savage, but he was something absolutely modern and up-to-date that only this ghastly age could produce. A tiny bit of a man pretending he was the whole."

Über Sebastian und das Scheitern

„Er ließ nicht nach in der Liebe, aber er verlor seine Freude daran, denn ich war nicht mehr Teil seiner Einsamkeit.“

“He did not fail in love, but he lost his joy of it, for I was no longer part of his solitude.”

Ein Satz von zeitloser Tiefe zunächst. Aber auch einer, der beide, Sebastian und Charles klar zeichnet und andeutet, daß so wie Sebastian dem Augenschein nach äußerlich scheitert, möglicherweise Charles in anderer Weise versagt.

“As my intimacy with his family grew, I became part of the world which he sought to escape; I became one of the bonds which held him.”

“Als meine Vertrautheit mit seiner Familie wuchs, wurde ich zu einem Teil der Welt, der er zu entrinnen suchte, ich wurde zu einer der Fesseln, die ihn hielten.”

Charles fühlt sich offenbar aus einer gewissen beschränkenden Sehnsucht heraus zu sehr von dieser Familie, dieser Welt von einer Familie angezogen, und wird hinübergezogen, verliert darüber Sebastian und zunächst, so scheint es, dann auch sich selbst.

Wir brechen hier ab. Zweck dieser Zeilen war auch nur, mit wenigen Zitaten auf das zu deuten, was das Buch ausmacht, und wie ich schon befürchtend anmerkte, vermutlich mit allzu groben Fingern.

"I have been here before"

"'I have been here before,' I said; I had been there before; first with Sebastian more than twenty years ago on a cloudless day in June, when the ditches were white with fool’s-parsley and meadowsweet and the air heavy with all the scents of summer; it was a day of peculiar splendour, such as our climate affords once or twice a year, when leaf and flower and bird and sun-lit stone and shadow seem all to proclaim the glory of God; and though I had been there so often, in so many moods, it was to that first visit that my heart returned on this, my latest."
Dese Zeilen, die das erste Buch des Romans eröffnen, knüpfen an eine Bemerkung Ryders am Ende des Prologes an:

Der dem Erzähler unterstellte Hooper hatte gerade fassungslos berichtet, an welchem sonderbaren Ort die Armee ihr Lager aufgestellt hatte:
"Great barrack of a place. I've just had a snoop around. Very ornate, I'd call it. And a queer thing, there's a sort of R.C. church attached. (...) I felt very awkward. More in your line than mine. (...) There's a frightful great fountain, too, in front of the steps, all rocks and sort of carved animals. You never saw such a thing."
"Yes, Hooper", antwortet sein Vorgesetzter, "I did. I've been here before."
Ryder hat sein Selbstzitat geringfügig verändert. Aus dem Kolloquialismus "I´ve been here before" ist das schriftsprachliche "I have been here before" geworden. Unspektakulär genug, könnte man meinen, gäbe es da nicht ein Gedicht, das mit eben diesen Worten beginnt. Der prä-raffaelitische Lyriker und Maler Dante Gabriel Rossetti (1828 - 1882) hat es geschrieben:

Sudden Light
I HAVE been here before,
But when or how I cannot tell:
I know the grass beyond the door,
The sweet keen smell,
The sighing sound, the lights around the shore.

You have been mine before,—
How long ago I may not know:
But just when at that swallow's soar
Your neck turned so,
Some veil did fall,—I knew it all of yore.

Has this been thus before?
And shall not thus time's eddying flight
Still with our lives our love restore
In death's despite,
And day and night yield one delight once more
 "Schön und gut. Aber 'I have been here before' ist doch wohl einer der alltäglichsten Sätze, die man überhaupt äußern kann. Weshalb also ein obskures Gedicht bemühen, in dem er vorkommt? "
Nun, "Sudden Light" mag zwar nicht so bekannt sein wie "Ode to a Nightingale", dass Waugh es gekannt hat, ist aber kaum zweifelhaft, hat er doch gleich zu Beginn seiner literarischen Laufbahn eine Monographie über den viktorianischen Maler und Lyriker Rossetti veröffentlicht.

Und da der Protagonist des Romans, der diese Worte äußert, Hauptmann Charles Ryder, im Zivilleben ein humanistisch gebildeter Kunstmaler ist, ist ihm das Gedichtzitat überaus gemäß.
"Gut, das sei dir zugestanden. Aber weshalb über ein altes Gedicht schreiben, wenn es doch um einen Roman gehen soll?"
Rossettis Verse sind der memoire involontaire gewidmet, den uns zustoßenden ungesuchten Erinnerungen; und auch Charles Ryders Thema ist die Erinnerung:
“My theme is memory, that winged host that soared about me one grey morning of war-time. These memories, which are my life—for we possess nothing certainly except the past—were always with me. Like the pigeons of St. Mark’s, they were everywhere, under my feet, singly, in pairs, in little honey-voiced congregations, nodding, strutting, winking, rolling the tender feathers of their necks, perching sometimes, if I stood still, on my shoulder or pecking a broken biscuit from between my lips; until, suddenly, the noon gun boomed and in a moment, with a flutter and sweep of wings, the pavement was bare and the whole sky above dark with a tumult of fowl. Thus it was that morning.
Mein Thema ist Erinnerung. Und nun fragt sich: wessen Erinnerung?

Viele lesen "Brideshead Revisited" entgegen der ausdrücklichen Warnung des Autors auf der Titelseite - “I am not I: thou art not he or she: they are not they.” - als kaum verhüllte Autobiographie. Ryders Erinnerungen wären dann also Waughs, mit dem er ja auch einiges gemeinsam hat (das Studium in Oxford, die intensiven Jugendfreundschaften, die Leidenschaft für Malerei, die (im Roman nur angedeutete) Konversion zum katholischen Glauben.

Ich bin trotzdem skeptisch. Das Rossetti-Zitat ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass "Brideshead Revisited" ein sorgfältig komponierter Roman ist, dessen Anspielungen, Metaphern und Symbole einer anderen Logik folgen als der des realistischen Erzählens.

Liest man "Brideshead Revisited" als autobiographischen Schlüsselroman, läuft man Gefahr zu übersehen, dass der Autor mit seinen Protagonisten (und mit uns, seinen Lesern) vielleicht etwas ganz anderes vorhat, als auf den ersten Blick scheinen mag.

Der von ihm zitierte spätromantische Dichter sieht in der memoire involontaire den Schlüssel zu einer anderen Welt. Die unwillkürliche Erinnerung an eine ideale 'vorgeburtliche' Existenz ist ihm zugleich ein Hoffnungszeichen dafür, dass nicht der Tod das letzte Wort in unserem Leben hat, sondern die Liebe.

Und die Liebe, Gottes Liebe zum Menschen, ist Waughs eigentliches Thema, so wie Ryders Thema die Erinnerung ist.