Montag, 12. März 2012

Über Charles & die Schönheit

Lawrence Alma-Tadema,
Sappho and Alcaeus, 1881

„Das hat Mama vor ein oder zwei Jahren gekauft. Irgend jemand sagte ihr, man könnte die Schönheit der Welt nur ganz erkennen, wenn man sie zu malen versucht.“

„Mummy bought them a year or two ago. Someone told her that you could only appreciate the beauty of the world by trying to paint it.“


Lady Marchmain scheiterte nach Aussage ihrer Kinder greulich in dieser Bemühung, und Charles? Denn um seine Existenz als Künstler soll es uns heute gehen. Einer meiner geschätzten Mitautoren hier schrieb einmal: „Nicht Schönheit rettet die Welt, denn auch sie gehorcht Gesetzen, ist in einer eigentümlichen Weise statisch. Schönheit kann kalt und leer sein, die Liebe jedoch nie.“

Nun ja. Jedenfalls Charles wurde wohl nicht von ihr gerettet, der Schönheit, obwohl er es versuchte. Ich kann mich übrigens nicht erinnern, daß wir eine wirkliche Erklärung für seine Hinwendung zur Kunst erhalten. Wir bekommen Hinweise, Bruchstücke, aus denen wir uns ein Bild zusammenfügen können, aber auch dieses ist verschwommen, wie eine Spiegelung im Wasser, über die der Wind geht.

„... erst als Sebastian müßig, in Clive Bells Art blätternd, vorlas: 'Empfindet denn irgendein Mensch gegenüber einem Schmetterling oder einer Blume eine Emotion gleicher Art wie gegenüber einem Buch oder einem Dom?' und hinzufügte: 'Ja, ich', erst da wurden mir die Augen geöffnet.“

„... it was not until Sebastian, idly turning the page of Clive Bell's Art, read: ' 'Does anyone feel the same kind of emotion for a butterfly or a flower that he feels for a cathedral or a picture?' Yes I do,' that my eyes were opened.“

Aber wofür wurden sie geöffnet?

„Sebastians Blicke gingen zu dem Laub über ihm hinauf, meine ruhten auf seinem Profil, während der blaugraue Rauch, von keinem Lüftchen abgelenkt, zu den blau-grünen Schatten des Blätterwerks emporstieg; das süße Aroma des Tabaks vermischte sich mit den würzigen Sommerdüften rings um uns, , und der Geist des milden, goldenen Weins schien uns einen Finger breit hoch über das Gras zu heben und dort schwebend festzuhalten.

'Ein guter Platz dafür eine Kruke voll Gold zu vergraben', sagte Sebastian. 'Ich möchte gern überall, wo ich glücklich war, etwas Kostbares vergraben; dann könnte ich, wenn ich einmal alt und häßlich und elend bin, zurückkommen, es wieder ausgraben und mich in die Vergangenheit zurückträumen.'“

„Sebastian's eyes on the leaves above him, mine on his profile, while the blue-grey smoke rose, untroubled by any wind, to the blue-green shadows of foliage, and the sweet scent of the tobacco merged with the sweet summer scents around us and the fumes of the sweet, golden wine seemed to lift us a finger's breadth above the turf and hold us suspended
'Just the place to bury a crock of gold,' said Sebastian. 'I should like to bury something precious in every place where I've been happy and then, when I was old and ugly and miserable, I could come back and dig it up, and remember.' "

Nach 10 Jahren als respektierter und offenkundig äußerlich nicht unerfolgreicher Architekturmaler, von denen er sagt, von wenigen Augenblicken abgesehen sei er in ihnen nie so lebendig gewesen wie in seiner Zeit mit Sebastian (der lange Vergangenheit ist), stellt er den Verlust der Inspiration fest.

„Ich dachte, was mir da entglitt, wäre die Jugend, nicht das Leben.“

„I took it to be youth, not life, that I was losing.“

Warum gerade Architektur?

„Ich liebte die Baukunst seit jeher, war immer der Ansicht gewesen, dies sei nicht nur die höchste Leistung des Menschen, sondern darüber hinaus eine, bei der ihm, was entsteht, im Augenblick der Vollendung offensichtlich aus der Hand genommen und ohne sein Vorhaben durch andere Mittel vollkommen gemacht wird, und mich dünkten die Menschen etwas Geringeres als die Bauten, die sie schufen und bewohnten, als bloße Quartierinhaber und Untermieter auf kurze Frist, denen wenig Bedeutung in dem langen, fruchtbaren Leben ihrer Behausungen zukommt.“

„I have always loved building, holding it to be not only the highest achievement of man but one in which, at the moment of consummation, things were most clearly taken out of his hands and perfected, without his intention, by other means, and I regarded men as something much less than the buildings they made and inhabited, as mere lodgers and short-term sub-lessees of small importance in the long, fruitful life of their homes.“

Bevor wir Charles für diesen Gedanken steinigen, wollen wir ihm doch ein wenig nachgehen. Könnte es nicht sein, daß in der Kunst (und Architektur dabei als der Ort, an dem die verschiedensten Künste zusammenwirken (sollten)) etwas zu entstehen vermag, das in einem Akt des Mitwirkens des Menschen an der Schöpfung den Menschen über seine Intentionen hinausträgt und dabei etwas schafft, daß nicht nur über ihn hinausgeht, sondern auch in einem gewissen Sinne seiner Verfügbarkeit entzogen sein sollte. Kultur ist Schöpfung des Menschen, nicht einfach aus sich selbst, sondern aus der Tiefe einer Natur, die ihm ein anderer verliehen hat und durch die dieser wirkt. Und darum ist mangelnder Respekt vor den Schöpfungen dieses Geistes auch so zutiefst sündhaft.

Ich dachte immer, nur dieses Land wäre innerlich bis auf den Grund verwüstet, aber dann schickte mir ein Freund aus seinem Land, das sich noch immer Königreich nennt, dies:


Schönheit ist ein Ding, das schwer zu erringen ist, das der Arbeit ganzer Geschlechter bedarf, aber schnell leichtfertig und unwiederbringlich zerstörbar ist. Und es ist immer ein zerstörter Geist, der in solcher Auslöschung wirkt.

Wir wollen Charles zugute halten, daß es auch dieses Bemühen war, etwas Bewahrenswertes in der Kunst festzuhalten, das ihn zu seiner Art von Malerei brachte, vielleicht.

"... und im letzten Jahrzehnt ihrer Größe schien den Engländern zum ersten Mal etwas von dem bewußt zu werden, was sie zuvor für selbstverständlich gehalten hatten, und daher ihr Bestreben, dem, was sie bisher zustande gebracht hatten, Respekt zu erweisen, im Moment seines Aussterbens. Daher mein Erfolg, der weit über meine Verdienste ging..."

„… and in the last decade of their grandeur, Englishmen seemed for the first time to become conscious of what before was taken for granted, and to salute their achievements at the moment of extinction. Hence my prosperity, far beyond my merits…”

"Der finanzielle Einbruch dieser Zeit … steigerte meinen Erfolg, was in der Tat selbst ein Symptom des Niedergangs war. Als die Wasser-Stellen trockenfielen, suchten Menschen an Orten zu trinken, die in Wahrheit Trugbilder waren. Nach meiner ersten Ausstellung wurde ich in alle Teile des Landes gerufen, um Porträts von Häusern zu schaffen, die bald verlassen oder entwürdigt werden sollten, ja, mein Eintreffen schien oft nur wenige Schritte vor den Auktionatoren stattzufinden, ein Vorbote des Untergangs."

“The financial slump of the period … served to enhance my success, which was, indeed, itself a symptom of the decline. When the water-holes were dry people sought to drink at the mirage. After my first exhibition I was called to all parts of the country to make portraits of houses that were soon to be deserted or debased; indeed, my arrival seemed often to be only a few paces ahead of the auctioneers, a presage of doom.”

Ein Einschub im Einschub: Zu den grotesken Wahrheiten des 1. Weltkrieges zählt, daß mit ihm „Sieger“ und „Besiegte“ gleichermaßen ein Erbe in die Luft sprengten, dessen es Jahrhunderte bedurft hatte.

Doch zurück zu Charles, nachdem wir in den genannten Bemerkungen eines dann doch vermissen, nämlich Empathie. Es war womöglich mehr, besagter Freund sprach von Charles Unbehaustheit, erklärend: „because he never fits into their world, he didn't fit into his, he was an immigrant with no community“. Und „his inspiration was from travels, he traveled Latin America like he did the family“.

Charles muß, warum auch immer, so etwas wie die Begegnung mit dem Paradies in Brideshead gespürt haben, und wir fürchten, es war dieses Gefühl, in das er verliebt war und von dem er zehrte, als Künstler. Nach der versiegenden Inspiration, die die Begegnung mit Brideshead gebracht hatte, suchte er jetzt in der Tat eine neue, indem er die Wildnis, die Vitalität aufsuchte, im südlichen Amerika. Es gibt eine ungemein erfolgreiche Ausstellung als Resultat und ein alter Bekannter stellt sich ein, Anthony Blanche:

"Mein Lieber, laß uns deine kleine Prahlerei nicht vor diesen schlichten Menschen entblößen... wir wollen ihnen doch nicht ihr unschuldiges Vergnügen verderben. Du und ich, wir wissen, daß das alles schrecklicher Sch-Sch-Schund ist. Laß uns gehen, bevor wir die Kenner beleidigen.“

„'Ich ging zu deiner ersten Ausstellung‘, begann Anthony; ‚Ich fand sie, – nun, charmant. Es gab eine Innenansicht von Marchmain House, sehr englisch, sehr korrekt, aber ziemlich delikat. ‚Charles hat etwas getan‘, sagte ich, ‚nicht alles, was er tun wird, nicht alles, was er tun kann, aber etwas.‘
Selbst dann noch, mein Lieber, wunderte ich mich ein wenig. Es schien mir, daß es da einen Tick von zuviel Vornehmheit in Deiner Malerei gab. Wenn ich Dich erinnern darf, ich bin kein Engländer; ich kann diese heftige Begier, von guter Herkunft zu sein, nicht verstehen. Englische Vornehmtuerei ist für mich noch makabrer als englische Moral. Aber ich sagte: 'Charles hat etwas Reizvolles getan. Was wird er als nächstes tun?'

Das nächste, was ich sah, war Dein sehr hübsches Buch ‚Dörfliche und provinzielle Architektur‘, hieß es nicht so? Ein ziemlicher Wälzer von Buch, mein Lieber, und was fand ich? Wieder viel Charme. ‚Nicht ganz mein Ding, dachte ich, dies ist zu Englisch für mich!‘ Ich habe eher diese Vorliebe für aufregende Sachen, wie Du weißt, nicht für den Schatten der Zeder, oder Gurken-Sandwiches ...

Dann, um ehrlich zu sein, lieber Charles, verzweifelte ich an Dir. ‚Ich bin ein degenerierter alter sch-sch-schmutziger Italiener‘ meinte ich zu mir, ‚und Charles‘ - ich spreche von deiner Kunst, mein Lieber – ‚ist die Tochter des Ober-Pfarrers in geblümtem Musselin.‘

Stell Dir meine Aufregung dann vor heute beim Mittagessen. Jeder sprach von Dir ... wie auch immer, jeder war auf Deiner Ausstellung gewesen, aber Du warst es, von dem sie sprachen, wie Du Dich fortgerissen hast, mein Lieber, fortgegangen, um in die Tropen zu entschwinden, um ein Gauguin zu werden, ein Rimbaud. Du kannst Dir vorstellen, wie mein altes Herz auf und nieder sprang ...

‚Aber die Bilder‘, sagte ich, ‚erzählt mir davon.‘

‚Oh, die Bilder‘, sagten sie: ‚die sind sehr sonderbar.‘

‚Ganz und gar nicht, was er normalerweise tut.‘ ‚Sehr kraftvoll.‘ ‚Geradezu barbarisch.‘ ‘Ich nenne sie rundheraus ungesund‘, sagte Mrs. Stuyvesant Oglander.

Mein Lieber, ich konnte mich kaum noch zu halten auf meinem Stuhl. Ich wollte aus dem Haus stürzen, in ein Taxi springen und sagen: ‚Bring mich zu Charles' ungesunden Bildern.' Nun, ich tat es, aber die Galerie nach dem Mittagessen war so voll von absurden Frauen ...

Dann kam ich zurück zu der recht unattraktiven 5 Uhr Zeit, völlig gespannt, mein Lieber, und was finde ich? Ich fand, mein Lieber, einen sehr frechen und erfolgreichen Schabernack. Es erinnerte mich an den lieben Sebastian, der es so liebte, sich mit falschen Bärten zu verkleiden. Wieder dieser Charme, mein Lieber, einfacher, cremiger englischer Charme, der den Tiger gab.‘

‚Du hast recht‘, sagte ich.

‚Mein Lieber, natürlich habe ich recht, ich hatte schon vor Jahren recht als ich Dich warnte - mehr Jahren, bin ich froh zu bemerken, als jeder von uns beiden zeigt. Ich hatte Dich zum Abendessen einladen, um Dich vor dem Charme zu warnen. Ich warnte Dich ausdrücklich und in aller Ausführlichkeit vor der Familie Flyte. Charme ist der große englische Pesthauch. Es gibt ihn nicht außerhalb dieser feuchten Inseln. Er befleckt und tötet alles, was es berührt. Es tötet die Liebe; es tötet die Kunst; und ich fürchte sehr, mein lieber Charles, es hat auch Dich umgebracht.‘ "

"My dear, let us not expose your little imposture before these good plain people ... let us not spoil their innocent pleasure. We know, you and I, that this is all t-t-terrible t-t-tripe. Let us go before we offend the connoisseurs."

"I went to your first exhibition," said Anthony; "I found it - charming. There was an interior of Marchmain House, very English, very correct, but quite delicious. 'Charles has done something,' I said; 'not all he will do, not all he can do, but something.'

"Even then, my dear, I wondered a little. It seemed to me that there was something a little gentlemanly about your painting. You must remember I am not English; I cannot understand this keen zest to be well-bred. English snobbery is more macabre to me even than English morals. However, I said, 'Charles has done something delicious. What will he do next?'

"The next thing I saw was your very handsome volume - Village and Provincial Architecture, was it called? Quite a tome, my dear, and what did I find? Charm again. 'Not quite my cup of tea,' I thought; 'this is too English.' I have the fancy for rather spicy things, you know, not for the shade of the cedar tree, the cucumber sandwich… Then, to be frank, dear Charles, I despaired of you. 'I am a degenerate old d-d-dago,' I said, 'and Charles - I speak of your art, my dear - is a dean's daughter in flowered muslin.'

"Imagine then my excitement at luncheon today. Everyone was talking about you… However, they had all been to your exhibition, but it was you they talked of, how you had broken away, my dear, gone to the tropics, become a Gauguin, a Rimbaud. You can imagine how my old heart leaped…"

'But the pictures,' I said; 'tell me about them.'

'"Oh, the pictures,' they said: 'they're most peculiar.'

'Not at all what he usually does.' 'Very forceful.' 'Quite barbaric.' 'I call them downright unhealthy,' said Mrs. Stuyvesant Oglander.

"My dear, I could hardly keep still in my chair. I wanted to dash out of the house and leap in a taxi and say, 'Take me to Charles's unhealthy pictures.' Well, I went, but the gallery after luncheon was so full of absurd women…
Then I came back at the unfashionable time of five o'clock, all agog, my dear; and what did I find? I found, my dear, a very naughty and very successful practical joke. It reminded me of dear Sebastian when he liked so much to dress up in false whiskers. It was charm again, my dear, simple, creamy English charm, playing tigers."

"You're quite right," I said.

"My dear, of course I'm right. I was right years ago - more years, I am happy to say, than either of us shows - when I warned you. I took you out to dinner to warn you of charm. I warned you expressly and in great detail of the Flyte family. Charm is the great English blight. It does not exist outside these damp islands. It spots and kills anything it touches. It kills love; it kills art; I greatly fear, my dear Charles, it has killed you.”

Soweit Anthony Blanche. Hat er recht?
Genügt es, das Glück, das vielleicht sogar Liebe war, als Erinnerung festzuhalten in der Malerei? Offenkundig ist Charles diese Erinnerung unter der Hand vertrocknet. Merkwürdig dabei, eigentlich gibt es Charles zweimal in „Brideshead Revisited“: Den Charles des Buches und den erzählenden Charles des Buches – der eine gescheitert als Künstler und ohne Liebe, der andere, der uns all dies so schildert, daß es uns das Herz schwer und zugleich glücklich macht. Doch woher dieser Zwiespalt. Sind das eine wir, dürftig und tatsächlich, und das andere der immer noch gewußte Entwurf dessen, dem wir nie gerecht wurden?

Unsere Gedanken sind nun weit wegmäandert von unserem Wunsch, die Würde der Schönheit zu verteidigen. Sagen wir es wenigstens noch in diesem einen Satz, ehe wir abbrechen: Die Kraft des Schönen ist, daß es die Seele ermutigt, das Häßliche aber, wenn es nicht von der Art ist, wo es zum Mitgefühl reizt, zieht sie hinunter in das Flache, Ununterschiedene, den versumpften Bodensatz unserer Existenz. In der Schönheit begegnet uns die Liebe Gottes zu seiner geschaffenen Welt.

Beendet am 14. März

Kommentare:

  1. Lieber Martin,

    dein Beitrag hat in mir lange nachgehallt.

    Ja, ich denke auch, dass die mutwillige Zerstörung von Kunstwerken deshalb fast sakrilegisch erscheint, weil der Mensch in der Kunst an etwas teilhat, was mehr als menschlich ist.

    Nicht umsonst spricht man von inspirierten Werken, also von Werken, die dem Künstler eingegeben worden sind, Geschenken Gottes an sein Geschöpf.

    Herzliche Grüße
    Morgenländer

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