Sonntag, 11. März 2012

"Jetzt schauen wir in einen Spiegel"

"The operation of divine grace on a group of diverse but closely connected characters" darzustellen, hatte Waugh sich in "Brideshead Revisited" vorgenommen, wie er in seinem Vorwort schreibt. 

Das ist ein schwieriges Unterfangen. Ist es vielleicht sogar ein unmögliches?

Schriftsteller sind keine Propheten; GOtt offenbart sich ihnen nicht anders als anderen Sterblichen:
"Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin." (1 Korinther 13, 12)
Auch Waugh kann nicht mehr, als das spirituelle Geschick seiner Gestalten im unvollkommenen Spiegel ihres irdischen Lebens zu zeigen. Und, wie jeder weiß, verkehrt sich im Spiegelbild das tatsächliche Antlitz.

Zu welchem Urteil also kommen wir über die Figuren, derem seltsamen Tanz wir zugesehen haben?

- Wer und was ist Sebastian? Ein heruntergekommener schwuler Alkoholiker - oder ein Heiliger?

- Und Lady Marchmain? Ist sie eine lieb- und gnadenlose Intrigantin, deren Berührung tödlich ist - oder ein Vorbild an Frömmigkeit?

-Und  "Bridey"? Sollen wir ihn einen kaltherzigen Pedanten nennen - oder einen Mensch, der die Welt sub specie aeternitatis sieht?

- Und was ist mit Cordelia? Ist sie eine hässliche alte Jungfer - oder der Inbegriff christlicher Caritas?

Vielleicht gibt es darauf keine einfache Antwort.

Vielleicht ist die Antwort, dass diese lächerlichen und sündhaften Menschen in den Augen Christi eben die Sünder sind, die zu rufen er gekommen ist, Sünder überdies, die den Weg der Nachfolge angetreten haben?

- Sebastian: "Is it nonsense? I wish it were. It sometimes sounds terribly sensible to me." (zu Charles über den Glauben)

- Lady Marchmain:  "When people wanted to hate God, they hated Mummy." (Cordelia zu Charles)

- "Bridey": "There is nothing wrong in being a physical wreck, you know. There´s no moral obligation to be Postmaster-General or Master of Foxhounds or to live to walk ten miles at eighty." (zu Charles über seinen Bruder Sebastian)

- Cordelia: "There was no past tense in Cordelia's verb 'to love'." (Charles über Sebastians jüngste Schwester)

In einer posthum veröffentlichten Briefsammlung Waughs habe ich diesen schönen Gedanken gefunden:
"Saints are simply souls in heaven. Some people have been so sensationally holy in life that we know they went straight to heaven and so put them in the calendar. We all have to become saints before we get to heaven....And each individual has his own peculiar form of sanctity which he must achieve or perish. It is no good saying, "I wish I were like Joan of Arc or St. John of the Cross." I can only be St. Evelyn Waugh - after God knows what experiences in purgatory." (The Letters of Evelyn Waugh, hg. von Mark Amory)
Während ich dieses Zitat abschreibe, fällt mir die Kapelle ein, die Lord Marchmain seiner Frau errichten ließ, eine Art-déco-Scheußlichkeit, die Charles beim ersten Anblick schaudern lässt.

Dem in ihr brennenden Licht gelten die letzten Worte des Romans:
""Something quite remote from anything the builders intended has come out of their work, and out of the fierce little human tragedy in which I played; something none of us thought about at the time: a small red flame – a beaten-copper lamp of deplorable design, relit before the beaten-copper doors of a tabernacle; the flame which the old knights saw from their tombs, which they saw put out; that flame burns again for other soldiers, far from home, farther, in heart, than Acre or Jerusalem. It could not have been lit but for the builders and the tragedians, and there I found it this morning, burning anew among the old stones."
Mag die Lampe auch hässlich sein, symbolisiert das von ihr geschenkte Licht doch die ewige Gegenwart Christi.

Charles Ryder verlässt die Kapelle getröstet und heiter

Kommentare:

  1. Lieber Morgenländer,
    das Zitat aus Waughs Briefen ist sehr beeindruckend und trifft genau, was ich auch schon oft gedacht habe - und manchmal versuche, meinen anti-religiösen "Freunden" auf ihre nachsichtig herablassend vorgebrachten Äußerungen zu antworten. Danke dafür! Ich werde es mir merken. Ja, und die Kirche, die Gegenwart Gottes, trotz aller Absonderlichkeiten ...das habe ich auch schon in Kirchen gespürt. beispielsweise in einer alten Klosterkapelle, die ein "modernistischer" Pfarrer mit aller Gewalt versucht hatte, zu modernisieren. Er hatte im Altarraum Teppichboden legen lassen und Hohlblocksteine aufgestellt, denn er wollte, dass sich die Gemeinde dort versammelt und teils auf dem Boden sitzt, teils auf den Klötzen, um eine Art TAIZÉ Atmosphäre zu schaffen. Es wirkte grotesk. Aber die Mauern atmeten Jahrzehnte des Gebetes - das blieb trotzdem spürbar.

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    1. Liebe Mechtild,

      Waugh war wirklich ein bemerkenswerter Mann und seinen Gedanken zum Glauben nachzudenken, lohnt sich eigentlich immer. Besonders interessant sind auch seine Biographie des Hl. Edmund Campion und seine Romanbiographie der Kaiserinmutter Helena.

      Herzliche Grüße
      Morgenländer

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