Montag, 5. März 2012

Hochwürdiger Vater Symeon,
nun habe ich "Brideshead Revisited" beendet. Wirklich ein seltsames Stück Literatur, das man intensiv erforschen und durchdenken muß, um ihm gerecht zu werden. Der Todeskampf des Lords hat mich an das Hinscheiden der Großmutter in Gertrud von  le Forts "Schweißtuch der Veronika" erinnert. Schwer ist der Tod der Heiden. Möge es uns einmal leichter sein.
Und dann ist da noch immer Charles, dieser kalte und doch hochbegabte Mensch. Der Schönheit ist er auf die Spur gekommen, aber warum ist das Ergebnis so kläglich? Müßte er nicht durch das Schöne gleichzeitig mit dem Guten und Wahren in Berührung kommen? Was ist mit Kants Satz, "daß die Natur in ihrer Schönheit figürlich zu uns spricht und das moralische Gefühl sie auszulegen vermag"? Wie kann es mit Charles Familie, aber auch mit der ganzen Brideshead-Sippe so weit kommen inmitten der Schönheit von Natur und Kunst?
Und noch etwas: Kordelia ist anders, auch in Bezug auf die Schönheit. Sind denn Güte und Menschenfreundlichkeit der hohen Schönheit entgegengesetzt? Ich denke an die schmuddeligen russischen Klöster, welche ich gesehen habe, die stinkenden Mönche, ihren stillen Dienst an den Siechen. Meine Mutter meinte auch einmal in ihrer einfachen Art: "In der Kirche findest du kein Mädchen, das sich geschmackvoll zu kleiden weiß. Die Betweiber verstehen nichts von Stil." Wenn ich mich in den Kirchen umsehe, dann scheint mir das zuzutreffen, obwohl doch die kirchliche Kunst ihrerseits in einer sehr engen Beziehung zur Schönheit steht und sie lehren müßte.
Ihr Ioann

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Lieber Ioann,
in seiner Hymne an die Schönheit schreibt Hölderlin:
"... So wall' ich ohne Zagen,
Durch die Liebe froh und kühn,
Lächelnd zu den Höhen hin,
Wo die letzten Nächte tagen,
Wo der Sonnen letzte schien."
Auf Höhen wohnt die Schönheit, zu der sich der Mensch - und das ist hier zentral - DURCH die Liebe erhebt. 
Haben Sie sich einmal Gedanken gemacht, welche Rolle im Evangelium die Liebe und welche die Schönheit spielt?
Als ich ihre Worte von den "stinkenden Mönchen" gelesen habe, da kamen mir die Franziskaner in den Sinn und ganz besonders ein Ereignis aus dem Leben des Ordensgründers, das Sie gewiß kennen, eine Schlüsselszene: Franziskus umarmt den Leprakranken. Da bricht etwas in der Persönlichkeit dieses Menschen auf, was Liebe gebiert. Die äußere Schönheit ist stets das Hinzukommende, aber wesentlich Neutralere: Sie kann auf das Wahre und Gute hinweisen, doch auch zur Ware und Droge werden. 
Christen sind wir, täglich frei,
aus der Schöpfung Vielfalt
unsre eigne Wahl zu treffen.
Wir werden in der Begegnung mit dem Schönen zurückverwiesen auf den Kern des Menschen, das Herz. Dort entscheidet sich - ich wage mit Überzeugung dieses Wort - alles. Die Väter lehren uns, daß das göttliche Leben mit der Katharsis des Herzens beginnt, in ihm gilt es die verschmutzte Schönheit der Ikone wiederherzustellen und vom Herzen aus, ich kehre zu Hölderlin zurück, erhebt sich der Mensch zur göttlichen Schönheit. 
Lassen Sie sich nicht von den jüngsten philosophischen Moden schrecken: Das göttliche Leben steht nicht unter mathematischen Gesetzen.
In Christo, Vater Symeon

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Hochwürdiger Vater Symeon,
vergangenen Samstag besprachen wir im Pfarrgemeinderat die Einrichtung eines neuen Pfarrsaales, also das Ausmalen, neue Möbel, neue Toiletten, eine kleine Küche, Spieleecke und so weiter. Bislang sind wir in der Pfarre ja eine kleine Runde, aber wir hoffen, daß es mit dem neuen Pfarrer einen Aufschwung gibt. Die Mehrheit war an diesem Abend für die Pläne, da man sich ja als Pfarre den Neulingen von seiner besten Seite zeigen sollte und das auch viel attraktiver ist als die Räumlichkeiten im gegenwärtigen Zustand.
Da ist mir dann Hölderlin eingefallen, die Apostel, Franziskus und nicht zuletzt Charles Ryder... Ich muß gestehen, Vater Symeon, daß ich bei der Abstimmung geschwiegen habe, ich wollte nicht gegen den Strom schwimmen, aus Angst, aus Bequemlichkeit. Jetzt schäme ich mich dafür.
Ihr Ioann

1 Kommentar:

  1. Das ist wunderschön, diese Erinnerung an Franziskus! Und zu den "Schönheiten" fällt mir (die ich's ja mit den Blumen habe) noch ein Vers aus einem Lied von Paul Gerhardt ein:
    "Narzissen und die Tulipan, die ziehen sich viel schöner an, als Salomonis Seide"

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