Freitag, 17. Februar 2012


Lieber Ioann,
ich weiß nicht, wie weit Sie mit der Lektüre von "Brideshead Revisited" mittlerweile gekommen sind, doch möchte ich Sie auf einen Aspekt hinweisen, zu dem ich gerne Ihre Meinung lesen würde. In dem Roman treffen religiöse und areligiöse Welten aufeinander und gehen die wunderlichsten Verbindungen ein. Wie wirkt das auf Sie, was halten Sie von den einzelnen Typen, denen man da begegnet?
In Christo, Vater Symeon
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Hochwürdiger Vater Symeon,
was soll man da sagen? Fast jeder Mensch eine Katastrophe, bis auf Kordelia etwa, deren reale Existenz unter den geschilderten Umständen nicht möglich wäre, aber im Roman ist sie ein Typus. Die kindliche Naivität wird sich noch legen. Was haben alle gemein? Ich denke, es ist der Erzfehler, ein unpassendes Interpretationsmuster auf die Realität anzulegen. Es passt nicht, weil es lediglich einen Teil des Lebens beschreibt. Rex ist durchaus ein ganzer Kerl, bewundernswert, aber kein ganzer Mensch. In spirituellen Fragen verwendet er gleichsam zur Messung von Temperatur ein Senkblei. Mit Lady Marchmain und Julia steht es nicht anders: Ihre Naivität im Umgang mit Rex ist fatal. Bridey sieht die Lebensfäden allein in der Frage nach der jenseitigen Rechtfertigung des Menschen zusammenlaufen. Ein gnostischer Bruder von der härtesten Sorte. Der hat die Flucht nach vorne angetreten.
Zur Theorie des Glaubens gehört auch Lebenskunst. Daran fehlt es bei den Religiösen in diesem Werk gewaltig. Sie sind damit Platzhalter für jahrhundertelange Irrungen quer durch Europa. Verkappter Dualismus zieht dem katholischen Menschen den Boden unter den Füßen weg, indem er die menschliche Entwicklung auf einzelne Aspekte reduziert.
Ioann
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Ioann,
ihre Beobachtungen sind durchaus zutreffend, wenn sie auch von ihrem eigenen Leiden an den geschilderten Verhältnissen zeugen. Im antiken Griechenland schon kannte man das Ideal des klassischen Menschen: gereift in allen seinen Anlagen. Der Körper wird trainiert, der Geist geschult, Maß bestimmt die Lebensführung, das Schöne erfreut die Herzen und Freiheit gibt dem Einzelnen wie dem Gemeinsamen göttlichen Atem. 
Die Seele durch Amputationen vor dem Tod zu bewahren ist kein Weg zur Vollkommenheit. Es mag den Einzelnen und seine Gesinnungsgenossen bewahren, doch spendet es der Welt kein Leben. Allein dadurch ist solches Verhalten dem Sündigen  zuzurechnen. 
Könnten Sie sich vorstellen, Ioann, vor allem anderen Mensch zu sein und nicht spirituelles Wesen?
Ihnen verbunden - Vater Symeon

1 Kommentar:

  1. Es ist üblich geworden, an solchen Stellen mit Interjektionen zu antworten, "Wow" oder sowas, Sie wissen worauf ich hinauswill, nämlich, daß ich schlicht beeindruckt bin und mich sehr sammeln muß, für eine Antwort.

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