Freitag, 24. Februar 2012

Im Venusberg der Erinnerung

"Her Eyes are with Her Thoughts"

Mit einer kleinen Verbeugung Richtung LOTR – Erinnerung (wenn es für uns in gewissem Sinne eher gut ausging) hat etwas von Osgiliath – ein Verfallendes, das uns anrührt und einmal sehr schön, vielversprechend und geheimnisvoll war. Und so, wie wir mit unserer Erinnerung vergehen werden, geht ein einstmals lebendiger Ort ein ins Vergessen. Aber solange es Literatur gibt, zögert sich dieses womöglich ein wenig heraus.

Die Erinnerung ist seltsam. Sie erschafft ein unscharfes Bild aus Stimmen, halb versunkenen Bildern, schwer deutbaren Gefühlen, fremd gewordenen Gedanken, ein Nebel, aus dem manchmal gleichsam eine Gestalt halb erkannt fast hervortritt. Literatur vermag es, daß eine fremde Erinnerung, selbst eine imaginierte, zu einem Teil von uns, zu unserer eigenen wird. Aber lassen wir endlich das Buch sprechen, um das es uns geht.

"Mein Stoff ist das Gedenken, der beflügelte Schwarm der Erinnerungen, die mich eines grauen Morgens in Kriegszeiten umschwebten.

Diese Erinnerungen, die mein Leben sind - denn nichts als die Vergangenheit besitzen wir mit Gewißheit -, waren stets bei mir. Gleich den Tauben des Markusplatzes waren sie überall, unter meinen Füßen, einzeln, in Paaren, in kleinen, süß rufenden Gruppen, nickend, einherstolzierend, mit den Augen blinzelnd, das zarte Gefieder am Hals sträubend, manchmal, wenn ich stillhielt, auf meiner Schulter ... bis plötzlich der Mittagsschuß erdröhnte und einen Augenblick später nach Geflatter und Flügelschlagen das Pflaster leer war und der Himmel über mir dunkel wurde vom Gewirr der Vögel....

Die Erinnerungen sind die Merkzeichen und Unterpfänder der wahrhaft lebenden Stunden in einem Leben. Solche Stunden der Inspiration im Menschengeiste, die Quellen der Kunst, sind in ihrer Rätselhaftigkeit verwandt manchen Epochen der Geschichte: ein Volk … überliefert dennoch die Ersteigung neuer Höhen und die Gewinnung neuer Preise für die ganze Menschheit; die Vision verblaßt, Überdruß packt die Seele, und das Einerlei der Selbsterhaltung setzt von neuem ein."

“My theme is memory, that winged host that soared about me one grey morning of war-time.

These memories, which are my life - for we possess nothing certainly except the past - were always with me. Like the pigeons of St. Mark’s, they were everywhere, under my feet, singly, in pairs, in little honey-voiced congregations, nodding, strutting, winking, rolling the tender feathers of their necks, perching sometimes, if I stood still, on my shoulder ... until, suddenly, the noon gun boomed and in a moment, with a flutter and sweep of wings, the pavement was bare and the whole sky above dark with a tumult of fowl...

These memories are the memorials and pledges of the vital hours of a lifetime. These hours of afflatus in the human spirit, the springs of art, are, in their mystery, akin to the epochs of history, when a race which for centuries has lived content, unknown, behind its own frontiers, digging, eating, sleeping, begetting, doing what was requisite for survival and nothing else, will, for a generation or two, stupefy the world; commit all manner of crimes, perhaps; follow the wildest chimeras, go down in the end in agony, but leave behind a record of new heights scaled and new rewards won for all mankind; the vision fades, the soul sickens, and the routine of survival starts again.”

„Das gesteigerte Dasein“ ist ein Wort, das uns auffallen sollte, auch wenn mehr darauf gedeutet wird.

„Der Wald bestand ganz aus Eichen und Buchen, die Eichen grau und kahl, die Buchen von den aufbrechenden Knospen ein wenig grün überhaucht; sie bildeten mit den grünen Lichtungen und den weiten grünen Flächen - äste hier noch immer das Dammwild? - ein einfaches, liebevoll entworfenes Muster, und damit das Auge nicht ziellos schweife, stand ein dorisches Tempelchen am Rande des Wassers, und ein efeubewachsener Bogen überspannte das unterste der verbindenden Wehre. All dies war vor eineinhalb Jahrhunderten geplant und gepflanzt worden, so daß es wohl gerade zur Zeit unserer Einrückung in der ganzen Reife seiner Pracht zu sehen war.“

„The woods were all of oak and beech, the oak grey and bare, the beech faintly dusted with green by the breaking buds; they made a simple, carefully designed pattern with the green glades and the wide green spaces – Did the fallow deer graze here still? - and, lest the eye wonder aimlessly, a Doric temple stood by the water's edge, and an ivy-grown arch spanned the lowest of the connecting weirs. All this had been planned and planted a century an a half ago so that, at about this date, it might be seen in its maturity.“

Wie stimmen wir doch dieser nicht unsympathischen Besprechung zu, wenn wir lesen, Evelyn Waugh „...zeigt nicht, was verloren gegangen ist, er zeigt die Leere nach dem Verlust.“ Der Verlust beschreibt eine amputierte Gesellschaft, die meint, im Funktionalen aufgehen zu können, und für die Schönheit oder anderes, das über das Naheliegende hinausreicht, lange keine ernstgenommene Kategorie mehr ist; zu schweigen davon, daß dieses Schöne in diesem Augenblick für jemanden erschaffen wurde, der lange nach einem leben wird. Kultur ist eine Brücke über den Abgrund. Das innere Leben einer Gemeinschaft bedarf aufeinanderfolgender Schichten, bis es zu tragen beginnt. Weniges ist so dumm wie die Phrase, daß eine Gesellschaft sich täglich neu erfinden könne.

Melancholie aus dem Wissen um Verlorenes, eine Schwermut, die sich aus einer hoffnungslosen Sehnsucht speist, dieses Verlorene möge irgendwie wiederkehren, ohne benennen zu können, welche Gestalt dies denn haben solle. Vieles ließe sich hier sagen: Der wieder zu erweckende Sinn für Schönheit, Achtung für das Geistige, Demut, Nüchternheit im Blick auf das eigene Vermögen, Mangel an Gier, ein Bewußtsein des Wirkens derer, deren Nachkommen wir sind... Wir brechen besser ab.

So sehr man geneigt sein mag, mit Charles ins Gericht zu gehen wegen seines merkwürdigen Hingezogen-Seins zum Aristokratischen, worüber er seinen Freund Sebastian und wohl auch mehr verliert. Könnte es nicht sein, daß er ebenso das suchte und sah, was er auch als Künstler anstrebte – ohne daß wir gleich benennen könnten, was es denn sei – das gesteigerte Dasein, ob in der Kunst oder als Lebensform?

Erinnerung ist auch ein Art Zusammenfügen des wieder Aufgefundenen, noch Beschmutzten, Unvollständigen, eine innere Rekonstruktion, und obwohl man weiß, daß all dies vermutlich am Ende vergeblich sein mag, doch wenn es gelingt, schafft sie unserer Seele einen befestigten Weg, auf dem wir ins Ungewisse voranzugehen vermögen.

Charles Ryder sieht am Ende des Buches „vergnügt“ das ewige Licht und ihm folgend geschieht an uns: Wir gehen ein in die Transzendenz, die alle Schönheit erst möglich macht.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen