Freitag, 3. Februar 2012

"I have been here before"

"'I have been here before,' I said; I had been there before; first with Sebastian more than twenty years ago on a cloudless day in June, when the ditches were white with fool’s-parsley and meadowsweet and the air heavy with all the scents of summer; it was a day of peculiar splendour, such as our climate affords once or twice a year, when leaf and flower and bird and sun-lit stone and shadow seem all to proclaim the glory of God; and though I had been there so often, in so many moods, it was to that first visit that my heart returned on this, my latest."
Dese Zeilen, die das erste Buch des Romans eröffnen, knüpfen an eine Bemerkung Ryders am Ende des Prologes an:

Der dem Erzähler unterstellte Hooper hatte gerade fassungslos berichtet, an welchem sonderbaren Ort die Armee ihr Lager aufgestellt hatte:
"Great barrack of a place. I've just had a snoop around. Very ornate, I'd call it. And a queer thing, there's a sort of R.C. church attached. (...) I felt very awkward. More in your line than mine. (...) There's a frightful great fountain, too, in front of the steps, all rocks and sort of carved animals. You never saw such a thing."
"Yes, Hooper", antwortet sein Vorgesetzter, "I did. I've been here before."
Ryder hat sein Selbstzitat geringfügig verändert. Aus dem Kolloquialismus "I´ve been here before" ist das schriftsprachliche "I have been here before" geworden. Unspektakulär genug, könnte man meinen, gäbe es da nicht ein Gedicht, das mit eben diesen Worten beginnt. Der prä-raffaelitische Lyriker und Maler Dante Gabriel Rossetti (1828 - 1882) hat es geschrieben:

Sudden Light
I HAVE been here before,
But when or how I cannot tell:
I know the grass beyond the door,
The sweet keen smell,
The sighing sound, the lights around the shore.

You have been mine before,—
How long ago I may not know:
But just when at that swallow's soar
Your neck turned so,
Some veil did fall,—I knew it all of yore.

Has this been thus before?
And shall not thus time's eddying flight
Still with our lives our love restore
In death's despite,
And day and night yield one delight once more
 "Schön und gut. Aber 'I have been here before' ist doch wohl einer der alltäglichsten Sätze, die man überhaupt äußern kann. Weshalb also ein obskures Gedicht bemühen, in dem er vorkommt? "
Nun, "Sudden Light" mag zwar nicht so bekannt sein wie "Ode to a Nightingale", dass Waugh es gekannt hat, ist aber kaum zweifelhaft, hat er doch gleich zu Beginn seiner literarischen Laufbahn eine Monographie über den viktorianischen Maler und Lyriker Rossetti veröffentlicht.

Und da der Protagonist des Romans, der diese Worte äußert, Hauptmann Charles Ryder, im Zivilleben ein humanistisch gebildeter Kunstmaler ist, ist ihm das Gedichtzitat überaus gemäß.
"Gut, das sei dir zugestanden. Aber weshalb über ein altes Gedicht schreiben, wenn es doch um einen Roman gehen soll?"
Rossettis Verse sind der memoire involontaire gewidmet, den uns zustoßenden ungesuchten Erinnerungen; und auch Charles Ryders Thema ist die Erinnerung:
“My theme is memory, that winged host that soared about me one grey morning of war-time. These memories, which are my life—for we possess nothing certainly except the past—were always with me. Like the pigeons of St. Mark’s, they were everywhere, under my feet, singly, in pairs, in little honey-voiced congregations, nodding, strutting, winking, rolling the tender feathers of their necks, perching sometimes, if I stood still, on my shoulder or pecking a broken biscuit from between my lips; until, suddenly, the noon gun boomed and in a moment, with a flutter and sweep of wings, the pavement was bare and the whole sky above dark with a tumult of fowl. Thus it was that morning.
Mein Thema ist Erinnerung. Und nun fragt sich: wessen Erinnerung?

Viele lesen "Brideshead Revisited" entgegen der ausdrücklichen Warnung des Autors auf der Titelseite - “I am not I: thou art not he or she: they are not they.” - als kaum verhüllte Autobiographie. Ryders Erinnerungen wären dann also Waughs, mit dem er ja auch einiges gemeinsam hat (das Studium in Oxford, die intensiven Jugendfreundschaften, die Leidenschaft für Malerei, die (im Roman nur angedeutete) Konversion zum katholischen Glauben.

Ich bin trotzdem skeptisch. Das Rossetti-Zitat ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass "Brideshead Revisited" ein sorgfältig komponierter Roman ist, dessen Anspielungen, Metaphern und Symbole einer anderen Logik folgen als der des realistischen Erzählens.

Liest man "Brideshead Revisited" als autobiographischen Schlüsselroman, läuft man Gefahr zu übersehen, dass der Autor mit seinen Protagonisten (und mit uns, seinen Lesern) vielleicht etwas ganz anderes vorhat, als auf den ersten Blick scheinen mag.

Der von ihm zitierte spätromantische Dichter sieht in der memoire involontaire den Schlüssel zu einer anderen Welt. Die unwillkürliche Erinnerung an eine ideale 'vorgeburtliche' Existenz ist ihm zugleich ein Hoffnungszeichen dafür, dass nicht der Tod das letzte Wort in unserem Leben hat, sondern die Liebe.

Und die Liebe, Gottes Liebe zum Menschen, ist Waughs eigentliches Thema, so wie Ryders Thema die Erinnerung ist.

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