Sonntag, 26. Februar 2012

Hochwürdiger Vater Symeon!
Welche inneren Gegensätze tragen doch die Figuren dieses Romans in sich aus! Lady Marchmain: Ist das eine Teufelin der Versteinerung - oder wird sie gekreuzigt, leidet, erduldet, auch wenn sie nicht weiß, wie ihr geschieht? Sebastian: Das ist doch ein Säufer Länge mal Breite, in seiner Ablehnung der eigenen Familie unverbesserlich. Ein Dickschädel, der sich lieber zugrunde richtet, als Grundregeln der Gesellschaft zu beachten. Aber dann diese unglaubliche Demut in Afrika, die Treue zu Kurt. Ich glaube nicht, daß es da nur um verkappten Egoismus geht.
Alle sind mit freiem Willen ausgestattet, doch können sie damit auch alles ausbessern, was ihnen ins Leben mitgegeben wurde? Ist der Mensch wirklich zu hundert Prozent selbst schuldig an seinem Scheitern, oder gibt es Kreuze des Scheiterns, die man nur demütig tragen kann?
Sind die beiden als Beispiel genannten Personen nun stolze Sünder, ergebene Märtyrer - ich komme zu keinem Schluß. Verflixte Vexierbilder sind das.
Wenn diese Menschen in der letzten Verfügung Gottes Erlösung erfahren, dann bleibt die Ungerechtigkeit, daß ihnen die großen Lebensverfehlungen nachgesehen werden. 
Vater Symeon, wie soll man sich da orientieren, woran sich halten als Christenmensch?
Ioann
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Lieber Ioann,
kehren wir zu Beginn beim Gleichnis vom Arbeiter der neunten Stunde ein: Heil wird nicht errechnet, das Gericht ist keine Abrechnung. Und: Wenn es um Gerechtigkeit ginge, würde niemand von uns den Himmel sehen. Die Grenze zwischen Gut und Böse verläuft durch jeden einzelnen Menschen. Wer ist nicht beides, Säufer und Büßer? Der verlorene Sohn, nicht weit entfernt von den Arbeitern im Weinberg: Von Gerechtigkeit ist hier anscheinend keine Rede. Es gibt also anscheinend etwas noch Bedeutsameres in Gottes Gedanken über den Menschen.
Freiheit des Menschen und Determinismus - das ist der Kern Ihrer zweiten Frage. Es gibt da eine alte jüdische Erzählung davon, wie Moses vor Gott für das erneut abgefallene, kindliche Volk bittet. "Bewahre sie vor der Vernichtung, Herr", so spricht er, "und bedenke, von wo du sie herausgeführt hast." Was Moses sagen will: Seit den Fleischjahren in Ägypten ist erst kurze Zeit vergangen. Schau auf die zurückgelegte Strecke, nicht auf die Entfernung, welche noch von dir trennt, Herr. Miß den Menschen daran, wie viele Schritte er auf dich zu gemacht hat, aber bedenke dabei, was sein Ausgangspunkt war. Geboren werden wir in Bedingungen, in ihnen wachsen wir auf und nur einen Teil können wir verändern - auf ihn kommt es aber an. Und vielleicht hat Lady Marchmain wirklich das Beste aus den ihr gegebenen Möglichkeiten gemacht?
Wenn wir nun aber meinen, daß wir das Himmelreich mit Leistung erkaufen können, dann sind wir schon tief im Schlamm der nächsten Häresie. --- Ja, der Weg ist eng,... --- Das würde nämlich wieder zu den Verirrungen der eifersüchtigen Arbeiter führen und in ein Aufrechnen münden. In Wirklichkeit führt alles zur Liebe hin: Demut, Hingabe, Zuhören und Mut. Wieviele herzliche Gespräche haben Sie in der Flyte-Familie wahrgenommen? Gespräche, in denen das "Du" im Zentrum stand?
Und hier hat Christus den Menschen besser verstanden als alle anderen Weisheitslehrer vor ihm: Die Feder der Liebe wiegt auf der Waage des Lebens viel mehr als Tonnen der Sünde. Ist das gerecht? Ja, Ioann,... Wenn sie bedenken, wie schwer der Akt der Demut fällt, was es bedeutet, den eigenen Stolz zu überwinden, welche Großtat es ist, sich dem Anderen hinzugeben, dann ist es gerecht. Unsere verzerrte Wahrnehmung trübt das Urteil, da sie die Sünde greller sieht als die sanften Farben der Liebe.
Sie würden mir wohl erwidern, daß dann aber auch das Leiden ein Ende finden müßte, wenn die Liebe den Menschen erlöst. Was durch unsere Sünde oder die Sünde anderer an Leid in die Welt gekommen ist, das tragen wir gemeinschaftlich, es wird nicht erlassen. Wir büßen für andere - und andere für uns. Ich kann mich an Sünden erinnern, durch die ich lieben Menschen Schaden zugefügt habe, doch mich hat niemand dafür einer Strafe zugeführt. So will ich auch versuchen, mich nicht zu entziehen, wenn es einmal umgekehrt kommt. Wir müssen hier die ganze Welt in unser Leben hereinnehmen, ebenso die vergangenen Generationen und künftige. Schwer zu fassen für eine monadisierende Welt, doch es ist zutiefst christlich.
Aus dem, was ich Ihnen geschrieben habe, werden Sie auch das Wesen der Schönheit besser verstehen. Nicht Schönheit rettet die Welt, denn auch sie gehorcht Gesetzen, ist in einer eigentümlichen Weise statisch. Schönheit kann kalt und leer sein, die Liebe jedoch nie.
Charles spricht in der Klammer des Romans von Schuld. Er hat wohl verstanden, daß es nicht um einen Verstoß gegen die Schönheit ging, sondern gegen etwas noch Wesentlicheres.
Ihr Vater Symeon
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Ioann,
beim Durchblättern der Ausgabe von Brideshead Revisited in unserer Klosterbibliothek habe ich eingelegt ein Blatt mit Notizen gefunden. Sie müssen von einem Bruder stammen der vor mehr als zwanzig Jahren hier gelebt hat: Als ich das Blatt beim Abendessen herumgereicht habe, konnte sich keiner der Mitbrüder dieser Handschrift entsinnen. Vielleicht stammt sie auch von einem Vorbesitzer des Buches. Ich übermittle Ihnen hier den originalen Wortlaut ohne Ergänzungen:

"Parzival vs. B.R. Scheitern P.s auf der Gralsburg. Anfortas leidet unerlöst./Sebastian "An der Minne" - warum? Gurnemanz hat aus Parzival einen schönen, glänzenden Ritter gemacht./Charles Hofsitte, kein Herz. Schön, unmenschlich. Cundrie: "Schande bist du für den Ritterstand" -> Verfluchung. Gotteshaß Parzivals: "ER hätte mir bei Amfortas helfen müssen." NB: Das Wort der Liebe muß der Mensch selbst sprechen. Gott springt vor und nach bei, aber ohne den freien Menschen geht es nicht./Freiheit. Cundrie: "Allein das gierige Ungenügen schließt Dich aus der Gemeinschaft aus, denn der Gral und des Grales Kraft verbieten Dir unaufrichtige Freundschaft." Trevrizent: Gott läßt sich nicht zwingen (Gott ist nicht Physik!). Selbsterkenntnis - Demut - Schamanenkessel - aus den verkochten Stücken ein neuer Mensch. Parzival lernt zu lieben / wird Mensch. Gral: Stein der ewigen Jugend./Rückkehr nach Eden."

In Christo verbunden - Vater Symeon

1 Kommentar:

  1. Lieber Ioann,

    vielen Dank für Ihre gedankenreiche und intensive Auseinandersetzung mit 'Brideshead', die mir den Roman, den ich doch so gut zu kennen meine, noch einmal auf neue Weise erschließt.

    Herzliche Grüße
    Morgenländer

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