Sonntag, 12. Februar 2012

Hochwürdiger Vater Symeon, 
mich treibt die Frage, was denn diese Familie für Sebastian so unerträglich macht und ich versuche Beobachtungen anzustellen. Zum einen fällt mir auf, daß da alle als Monaden leben. Es gibt keine herzliche, offene Gemeinsamheit und auch kein solches Gespräch. Das ist es aber noch nicht. Viel schwerer liegt auf Sebastian der übermächtige Fels der Unangreifbarkeit einer Gott-Mutter und ihrer Parteigänger. Im Gespräch mit Lady Marchmain sagt Charles einmal ganz zurecht: "Sebastian muß sich frei fühlen können", worauf er zur Antwort bekommt, daß er doch immer frei gewesen sei und man sehe ja, was dabei herausgekommen ist. Sebastian ist in theoria frei, de facto hat er aber keine Wahl, wenn er Familie und Gewissen nicht gegen sich aufbringen will. Es handelt sich um den gemeinsten Weltanschauungsterror überhaupt: Was du auch tust, wir wissen das Rezept für dich - wenn du selbst nicht freiwillig einverstanden bist, dann leb mit deinem quälenden Gewissen (das wir schon vorgeformt haben). Da kann Sebastian nur mehr von Extrem zu Extrem gehen, um auszubrechen und sein Selbst zu behaupten. Gott wird unerträglich, wenn er als die äußerste Umzäunung auftritt: Wie groß du auch wirst - um dich herum steht nochmal der Gotteszaun. Und wenn du wächst, dann kommt nochmal ein Zaun, der dich umschließt.
Wenn das Selbst sich mit allem Mitteln freizuspielen versucht, dann werden die im System glatt arrangierten Heiligen zum Leidenswerkzeug: Was sollte man einer Lady Marchmain schon vorwerfen? Sie ist selbst der lebendige Vorwurf an alle moralisch defekten Menschen. 
Marchmain ist eine Mutter Kirche im Kleinen. Ihre Familie verkörpert den lebendigen Gottesbeweis - und hier liegt des Pudels Kern, der Verlust der Freiheit, für die Sebastian unter Einsatz seines Lebens kämpft. Wäre Gott bewiesen, so gäbe es keine Freiheit mehr. Also muß er es dulden, daß Menschen ohne ihn leben.
Respektvoll verbunden - Ioann


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Lieber Ioann,
ja, das wäre eine äußerste Form der Kenosis Gottes: Du bist frei, auch ohne mich zu leben und verdirbest nicht. Und doch: Recht und Gerechtigkeit erfordern Regeln. Von den Gesetzen des Lebens ist keiner der Menschen befreit, auch nicht Sebastian.
Symeon

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