Sonntag, 26. Februar 2012

Ein trügerisches Versprechen von Glück

Wer in zeitgenössischen Kunstdiskussionen mitreden möchte, tut gut daran, das Wort 'Schönheit' zu meiden.

Die Schönheit, einst eine der Transzendentalien, hat keinen guten Namen; wer sie im Munde führt, zeigt sich als Ignoramus, denn mag die heutige Kunst auch signifikant oder interessant oder gewagt sein, 'schön' will sie nicht sein; und in modernen Aufsätzen zur philosophischen Ästhetik wird man den Begriff der 'Schönheit' nur selten finden.

Charles Ryder hingegen meidet das Wort in seinen Erinnerungen nicht, im Gegenteil: es ist - neben 'Liebe' - sein Schlüsselwort.

Gleich zu Beginn des Romans zeigt sich der Erzähler als ein Mensch, dem schöne Dinge am Herzen liegen.

Ist sein Geschmack anfangs durch und durch konventionell 'progressiv' (van Goghs unvermeidliche Sonnenblumen über dem Kamin), erlebt er die Monate der Gemeinsamkeit mit Sebastian als 'aesthetic education', die ihm einen ganz eigenen Zugang zur Welt eröffnet.

Im ersten Teil des Romans gibt es eine Szene, in der deutlich wird, worin diese ästhetische Erziehung besteht:

Eine Gruppe junger Leute liest gemeinsam einen der damals angesagten Theoretiker, der das formalistische Credo seiner Zeit formulierte: Kunst sei Formgebung.

Dass wir die uns umgebende Welt 'schön' nennen, zeige dass dieser Begriff im Nachdenken über die Kunst keinen Platz habe, denn Kunst sei signifikantes Menschenwerk, die Welt aber sei eben nichts in diesem Sinne Geformtes. Dieser für die Ästhetik grundlegende Unterschied erhelle sich schon daraus, dass niemand die gleichen Empfindungen für das Naturschöne wie für ein Kunstwerk habe.

Sebastian widerspricht vehement. Doch, sagt er, ich fühle dasselbe, ob ich nun etwas Natur- oder etwas Kunstschönes betrachte.

Der Erzähler kommentiert, diese Äußerung sei für ihn eine Offenbarung gewesen.

Im nächsten Absatz spricht der Erzähler dann von der ihn faszinierenden Schönheit Sebastians.

Nun wird ein Mann einen anderen Mann selten 'schön' ('beautiful') nennen, höchstens 'gutaussehend' ('handsome'), setzt er sich doch sonst der Verdächtigung aus, homosexuell zu ein.

Weshalb eigentlich?

Doch wohl deshalb, weil die Anerkennung der Schönheit des Anderen als stillschweigender Ausdruck des Begehren verstanden wird.

Das ist interessant, zeigt es doch, dass die mit Kant anhebende moderne Ästhetik auf dem Holzweg ist, wenn sie vom 'interesselosen Wohlgefallen' als adäquater ästhetischer Reaktion auf das 'Schöne' spricht.

Stendhal, der das Schöne ein Versprechen von Glück nannte ("La beauté n'est que la promesse du bonheur"), sah tiefer.

Man könnte jetzt darüber nachdenken, welches Glück der junge Charles Ryder sich von Sebastian versprach, also darüber, wer Sebastian für ihn eigentlich ist.

Nun, schon der von Waugh gewählte Name des Protagonisten gibt einen Hinweis:

Der Heilige Sebastian ist einer der am häufigsten portraitierten Heiligen der Kunstgeschichte.

Die Bilder sind oft von tiefer Zweideutigkeit. Man muss kein Freudianer sein, um zu erkennen, dass die Maler nicht nur von Pietät geleitet sind, wenn sie sein Märtyrium darstellen.

Antonello da Messina, Sebastian, 1476

Noch deutlicher wird der homosexuelle Subtext auf diesem Bild:

Carlo Saraceni, Der Hl. Sebastian, um 1610

Der leidende Mensch wird hier zu einem dem sadomasochistischen Ergötzen des Betrachters ausgesetzten 'schönen Ding' (R.M. Rilke).

Wie ist das zu erklären? Ich denke, das menschliches Begehren immer zweideutig ist. Man begehrt, was man nicht hat; es erweckt nicht nur Liebe, sondern auch Ressentiment, und so wird jedes Begehren auch von dem Wunsch begleitet, das Schöne, das man selbst nicht ist, zu zerstören.

Der Sebastian des Romans zerstört sich selbst.

Wenn wir ihn zum letzten Mal sehen, ist aus dem betörend schönen jungen Mann ein Wrack geworden, ein Mensch, den wir, träfen wir ihn auf der Straße, nur als 'hässlich' beschreiben könnten. Niemand aber käme es in den Sinn, ihn zu begehren.

Und zu lieben?

Was aber ist das für eine Liebe, die den anderen nur in seiner Glanzzeit lieben kann und die ihn verlässt, wenn der unvermeidliche körperliche Verfall eintritt?

Es ist wohl keine*.

*Vielleicht ist diese Lieblosigkeit auf dem Grunde des Schönheitsdurstes auch die Erklärung dafür, dass die Kunst des so begabten Charles Ryder steril bleibt, wie er sich selbst eingestehen muss.

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