Sonntag, 19. Februar 2012

Ach Gott, die Liebe

"Not und Angst und Nacht sind eure Herren. Die sondern euch, die treiben euch mit Schlägen an einander. Den Hunger nennt ihr Liebe, und wo ihr nichts mehr seht, da wohnen eure Götter. Götter und Liebe?" (Hölderlin, Hyperion, Erstes Buch, Hyperion an Bellarmin)
"Brideshead Revisited" ist, das kann niemandem entgehen, der den Roman liest, auch ein Roman über die Liebe.

Genauer gesagt, und das macht seine verstörende Kraft aus, ein Roman über mangelnde Liebe, über die Liebe als Mangel, über die Liebe als caritas und schließlich über eine Liebe, die mehr ist als Hunger, nämlich überströmende Fülle.

Mangelnde Liebe:
Da ist Charles Ryders Vater (dem Vater in "Pride and Prejudice" nicht unähnlich), dessen kauziges Wesen und kaustischer Witz seine Unfähigkeit zu lieben nur notdürftig verbirgt; da ist Charles selbst, der elterliche Liebe nie erlebt hat (seine Mutter ist früh verstorben); da ist Sebastian, der angesichts der Agonie seiner Mutter die grausame Bemerkung macht: "She really was a femme fatale, wasn't she? She killed at a touch"; da ist Sebastians Vater, der vor der Wirklichkeit ehelicher Liebe in das Exil einer lieblosen Affäre geflohen war; da ist Lady Marchmain, die ihren Ehemann hasst und verfolgt; da ist das lieblose Konkubinat zwischen Julia und Rex Mottram; und da ist die lieblose Ehe zwischen Celia und Charles, die nach wechselseitigem Ehebruch in die Scheidung mündet. 

Die Liebe als Mangel:
Was den meisten aus "Brideshead Revisited" in Erinnerung bleibt, sind allerdings nicht die schmerzhaft lieblosen Dialoge zwischen sich nahestehenden und doch fremd bleibenden Menschen, sondern die in glühenden Farben ausgemalten Szenen der Jugendliebe zwischen dem Erzähler und Sebastian.

Diese Szenen sind es auch, die diesen katholischen Roman für Nichtkatholiken attraktiv und für Katholiken anstößig machen, denn was könnte weniger katholisch sein als das Lob der Männerliebe, das der Roman anzustimmen scheint?

Aber ist es denn homosexuelles Begehren, was Charles und Sebastian bindet?

Außenstehende scheinen dies zu glauben, etwa die Flittchen, die sich in der Bar gelangweilt von den beiden abwenden: "Come on they're fairies!" (ein Slangwort der 20er Jahre für Homosexuelle; die deutsche Übersetzung übergeht diese Anspielung).

Cara, Lord Marchmains Maitresse, sieht tiefer: Sie erkennt in der Liebe der beiden jungen Männer zueinander - und es ist Liebe - eine kindlich-spielerische Einübung in die wahre Liebe - ein Gedanke, den später auch Charles äußert: "He was the forerunner."

Charles sagt dies zu Julia, und er sagt es zweimal:

Zum ersten Mal in der ehebrecherischen Liebesnacht auf dem Schiff, das die beiden zurück nach England bringt; und dann Jahre später, als sich das Ende seiner 'wilden Ehe' mit ihr bereits abzeichnet:
"'It's frightening,' Julia once said, 'to think of how completely you have forgotten Sebastian.'

'He was the forerunner.'

'That's what you said in the storm. I've thought since: Perhaps I am only a forerunner, too.'
Schaut man sich Charles' Äußerung genauer an, ist sie erschreckend, denn vom einst so innig geliebten und nun langsam vor die Hunde gehenden Sebastian als bloßem 'Vorläufer' zu sprechen, ist - in diesem Kontext - ein Ausdruck tiefer Lieblosigkeit:

Der Andere wird nicht um seiner selbst willen geliebt, sondern weil er zu geben verspricht, was dem Verliebten mangelt:

Charles liebt in Sebastian den Glanz einer adeligen Herkunft, die ihm selbst, der kleinbürgerlicher Herkunft ist, abgeht. Charles ähnelt darin dem von ihm so verachteten Rex, der Julia heiratet, um Zugang in die Welt des britischen Hochadels zu bekommen, was ihm für seine politische Karriere nützlich erscheint (Charles und Rex sind sich überhaupt sehr ähnlich, was der Erzähler (aber nicht der Romancier selbst) freilich verkennt).

Und da Charles in Sebastian nicht findet, was er sucht, zieht er weiter: zunächst zu Celia, dann zu Julia; immer aber verkennend, wer der andere eigentlich ist.

Und Sebastian? Was sucht er in der Liebe zu Charles? Wir erfahren es nicht, können uns aber aus einigen Andeutungen einen Reim auf sein Begehren machen:

Zunächst flieht er vor der Anforderungen seiner Familie, dann vor den Forderungen der Welt überhaupt, in ein pseudokindliches (kindisches?) Elysium, in die Unverantwortlichkeit.

Als er bemerkt, dass Charles seinen Traum nicht teilt, sondern in ihm gerade das sucht, wovor er davonlaufen möchte, flieht er weiter, erst in den Rausch, dann in die Wüste.

Dort begegnet er einem anderen Flüchtling, Kurt, einem syphilitischen Deserteur.

Wie man "Brideshead Revisited" deutet, hängt entscheidend davon ab, wie man die Beziehung dieser beiden zutiefst verstümmelten Menschen versteht.

Sebastians älterer Bruder 'Bridey' versucht der Sache auf den Grund zu gehen und fragt Charles Ryder ohne Umschweife, ob die Beziehung der beiden Männer lasterhaft sei. Charles erwidert:
"No. I'm sure not. It`s simply a case of two waifs coming together."
Man kann an der Aufrichtigkeit dieser Antwort zweifeln, hatte Charles doch nioch wenige Tage zuvor ganz andere Gedanken gehegt:
"There is a poor German boy with a foot that will not heal and secondary syphilis, who comes here for treatment",
hatte ein Mönch dem Besucher Charles erläutert. Der Mönch fuhr fort:
"Lord Flyte found him starving in Tangier and took him in and gave him a home. A real Samaritan."
Und Charles kommentierte diese Äußerung in Gedanken sarkastisch:
"Poor simple monk," I thought,"poor booby."
Wer also ist Sebastian am Ende? Ein dem Trunk und lasterhafter Liebe ergebener Adelssproß oder ein wahrer Samariter, ein Heiliger gar, wie seine Schwester Cordelia meint?

Nun, dies zu entscheiden, ist nicht an uns, den Lesern, sondern an einem anderen, dessen Liebe nicht Mangel, sondern Fülle ist.

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