Freitag, 16. März 2012

Nesseln und Wilde Rosen

Liebe fragte Liebe: "Sag, weshalb Du weinst?"
Raunte Lieb zur Liebe: "Heut' ist nicht mehr wie einst."
Liebe klagte Liebe: "Ist's nicht wie vorher?"
Sprach zur Liebe Liebe: "Nimmer - nimmermehr."
Diese Verse hat Börries Freiherr von Münchhausen geschrieben. Damit endet seine Ballade vom Brennnesselbusch, die das Märchen von der Jungfrau Maleen behandelt - ein einfaches Mädchen, geliebt von einem König, der eine Königstochter heiraten muss. Er hatte aber Maleen an einem Brennnesselbusch ewige Treue geschworen und kann sie nicht vergessen. Die ungeliebte Königin findet es heraus und nimmt sich das Leben, Maleen weist dann den König ab - es "ist nicht wie vorher, nimmer, nimmermehr." Eine Geschichte von Unaufrichtigkeit, geheuchelter Liebe, verleumdeter Liebe, verschmähter Liebe. Wie alle Märchen trägt auch dieses einen Kern von Wahrheit, der immer weitergegeben wird, durch mündliches Erzählen von einer Generation an die andere, über Jahrhunderte hin. Das "Urwissen" über diese Erfahrungen, die jedem irgendwann begegnen können, über die Bedeutung von Hass, Eifersucht, Neid, Angst, Schuld, aber auch von Liebe, Treue, Mut und Glauben - dieses Urwissen wird im Erzählen der Märchen und Mythen weitergegeben. Wenn große Lebenskrisen eintreten, hilft es im Unterbewusstsein die Krise zu bewältigen, zu überstehen, Lösungen zu finden. Auch der Tod ist eine große Lebenskrise, die allergrößte....

Lord Marchmain stirbt und er redet mit sich selbst, erzählt Charles. "Er redete, glaube ich, weil seine Stimme die einzige war, der er Glauben zu schenken vermochte, wenn sie ihm versicherte, dass er noch lebe..." Er spricht von den "unfruchtbaren Mulden am Schlossberg, bei den wilden Rosen und Nesseln - das wiederholt er - wo seine Wurzeln waren, bei den Gräbern der Ritter und Barone, bei der alten Kirche, der "Stifterkapelle, in der kein Geistlicher singt".
Als ich das las, war es für mich ein starkes Bild. Diese alten Grabmäler, die Kapelle, überwuchert von wilden Rosen und Brennnesseln - eine Art Dornröschenschloss, zu dem keiner hingelangen kann ohne sich zu verletzen. Ja, auch die Rosen haben ihren Platz in den Märchen. Wer will die Hecke aus Rosen überwinden, wer näht sieben Hemden aus Nesseln und spricht dabei kein einziges Wort? Einer der liebt. Und was bedeutet es, so zu lieben, dass man all das auf sich nimmt, warum strebt ein Mensch nach der Liebe? Weil er auf die Unsterblichkeit hofft.

Lord Marchmain liegt und erzählt sich selbst von seinem achtsamen Leben, von seiner Kraft, seiner "guten Form". Er kämpft und sucht einen Ausweg aus der Höhle, aus dem Berg in dem er begraben scheint - der schlafende König, der wartet, dass die Raben aufhören um seinen Berg zu kreisen und er dann wieder aufstehen kann. Irgendwann fragt er nach der Kapelle. Er erinnert sich an sie, als ein Geschenk für seine Frau. Sucht er nach einer Rechtfertigung?
 "Sie hat ihr gehört. Ich habe sie ihr geschenkt. ....Ich habe sie für sie gebaut....habe sie in der Kapelle gelassen, betend. Das war der richtige Platz für sie. Bin nie zurückgekommen, ihre Gebete zu stören."
Ja, das sind die üblichen Ausreden. "Was machst du mir Vorwürfe? Schau doch mal was ich dir geschenkt habe! Ich hätte dich ja doch nur gestört!"
Und Cordelia bejaht seine Frage, ob das ein Verbrechen war.
Die Brennesseln, die wilden Rosen. Die uralten Pflanzen, die immer in der Nähe von Menschen zu finden sind. Sie haben den Lord zu dem Wissen tief in seiner Seele geführt, dass nicht genug Liebe da war, um den Dornenwall zu überwinden. Wenn man etwas weiß, erkannt hat, kann man es bereuen. Man kann Buße tun, aus Liebe zu sich selbst - und zu Gott! Welch eine Chance, Pfarrer Mackay sagt es: "Christus ist nicht gekommen, die Gerechten zur Buße aufzurufen, sondern die Sünder." Wie schön ist das Gleichnis vom verlorenen Sohn - wie ein Märchen.
Wenn genug Liebe da ist, um die Reue zuzulassen, um der Liebe Gottes willen, dann kann das Wunder seinen Anfang nehmen. Im Märchen "Fundevogel" fliehen zwei Kinder vor einer bösen Zauberin, sie retten sich durch die Verwandlung."Werde Du ein Rosenstöckchen, und ich das Röslein daran", "werde Du eine Kirche, und ich eine Krone darin!" Am Ende, als die Köchin, die Hexe sich selbst auf den Weg macht, können die Kinder sie besiegen: "werde Du ein Teich, und ich eine Ente darauf". Zwei Bilder aus der Natur - Rose und Teich - bilden den "Rahmen" für die Kirche mit der Krone. Damit ist das "Allerheiligste" gemeint, glaube ich, der innere Raum, die Seele. Das heißt, es gehört auch dieses Bild mitten in die Natur!

"Verlässt Du mich nicht, so verlass ich Dich nicht", sagt das Lenchen im Märchen Fundevogel. Und Fundevogel antwortet: "Nun und nimmermehr"
Lord Marchmain entschließt sich am Ende, seinen Gott nicht zu verlassen. Dank der Liebe, die ihm die Chance gab, sich zu entscheiden.

Montag, 12. März 2012

Über Charles & die Schönheit

Lawrence Alma-Tadema,
Sappho and Alcaeus, 1881

„Das hat Mama vor ein oder zwei Jahren gekauft. Irgend jemand sagte ihr, man könnte die Schönheit der Welt nur ganz erkennen, wenn man sie zu malen versucht.“

„Mummy bought them a year or two ago. Someone told her that you could only appreciate the beauty of the world by trying to paint it.“


Lady Marchmain scheiterte nach Aussage ihrer Kinder greulich in dieser Bemühung, und Charles? Denn um seine Existenz als Künstler soll es uns heute gehen. Einer meiner geschätzten Mitautoren hier schrieb einmal: „Nicht Schönheit rettet die Welt, denn auch sie gehorcht Gesetzen, ist in einer eigentümlichen Weise statisch. Schönheit kann kalt und leer sein, die Liebe jedoch nie.“

Nun ja. Jedenfalls Charles wurde wohl nicht von ihr gerettet, der Schönheit, obwohl er es versuchte. Ich kann mich übrigens nicht erinnern, daß wir eine wirkliche Erklärung für seine Hinwendung zur Kunst erhalten. Wir bekommen Hinweise, Bruchstücke, aus denen wir uns ein Bild zusammenfügen können, aber auch dieses ist verschwommen, wie eine Spiegelung im Wasser, über die der Wind geht.

„... erst als Sebastian müßig, in Clive Bells Art blätternd, vorlas: 'Empfindet denn irgendein Mensch gegenüber einem Schmetterling oder einer Blume eine Emotion gleicher Art wie gegenüber einem Buch oder einem Dom?' und hinzufügte: 'Ja, ich', erst da wurden mir die Augen geöffnet.“

„... it was not until Sebastian, idly turning the page of Clive Bell's Art, read: ' 'Does anyone feel the same kind of emotion for a butterfly or a flower that he feels for a cathedral or a picture?' Yes I do,' that my eyes were opened.“

Aber wofür wurden sie geöffnet?

„Sebastians Blicke gingen zu dem Laub über ihm hinauf, meine ruhten auf seinem Profil, während der blaugraue Rauch, von keinem Lüftchen abgelenkt, zu den blau-grünen Schatten des Blätterwerks emporstieg; das süße Aroma des Tabaks vermischte sich mit den würzigen Sommerdüften rings um uns, , und der Geist des milden, goldenen Weins schien uns einen Finger breit hoch über das Gras zu heben und dort schwebend festzuhalten.

'Ein guter Platz dafür eine Kruke voll Gold zu vergraben', sagte Sebastian. 'Ich möchte gern überall, wo ich glücklich war, etwas Kostbares vergraben; dann könnte ich, wenn ich einmal alt und häßlich und elend bin, zurückkommen, es wieder ausgraben und mich in die Vergangenheit zurückträumen.'“

„Sebastian's eyes on the leaves above him, mine on his profile, while the blue-grey smoke rose, untroubled by any wind, to the blue-green shadows of foliage, and the sweet scent of the tobacco merged with the sweet summer scents around us and the fumes of the sweet, golden wine seemed to lift us a finger's breadth above the turf and hold us suspended
'Just the place to bury a crock of gold,' said Sebastian. 'I should like to bury something precious in every place where I've been happy and then, when I was old and ugly and miserable, I could come back and dig it up, and remember.' "

Nach 10 Jahren als respektierter und offenkundig äußerlich nicht unerfolgreicher Architekturmaler, von denen er sagt, von wenigen Augenblicken abgesehen sei er in ihnen nie so lebendig gewesen wie in seiner Zeit mit Sebastian (der lange Vergangenheit ist), stellt er den Verlust der Inspiration fest.

„Ich dachte, was mir da entglitt, wäre die Jugend, nicht das Leben.“

„I took it to be youth, not life, that I was losing.“

Warum gerade Architektur?

„Ich liebte die Baukunst seit jeher, war immer der Ansicht gewesen, dies sei nicht nur die höchste Leistung des Menschen, sondern darüber hinaus eine, bei der ihm, was entsteht, im Augenblick der Vollendung offensichtlich aus der Hand genommen und ohne sein Vorhaben durch andere Mittel vollkommen gemacht wird, und mich dünkten die Menschen etwas Geringeres als die Bauten, die sie schufen und bewohnten, als bloße Quartierinhaber und Untermieter auf kurze Frist, denen wenig Bedeutung in dem langen, fruchtbaren Leben ihrer Behausungen zukommt.“

„I have always loved building, holding it to be not only the highest achievement of man but one in which, at the moment of consummation, things were most clearly taken out of his hands and perfected, without his intention, by other means, and I regarded men as something much less than the buildings they made and inhabited, as mere lodgers and short-term sub-lessees of small importance in the long, fruitful life of their homes.“

Bevor wir Charles für diesen Gedanken steinigen, wollen wir ihm doch ein wenig nachgehen. Könnte es nicht sein, daß in der Kunst (und Architektur dabei als der Ort, an dem die verschiedensten Künste zusammenwirken (sollten)) etwas zu entstehen vermag, das in einem Akt des Mitwirkens des Menschen an der Schöpfung den Menschen über seine Intentionen hinausträgt und dabei etwas schafft, daß nicht nur über ihn hinausgeht, sondern auch in einem gewissen Sinne seiner Verfügbarkeit entzogen sein sollte. Kultur ist Schöpfung des Menschen, nicht einfach aus sich selbst, sondern aus der Tiefe einer Natur, die ihm ein anderer verliehen hat und durch die dieser wirkt. Und darum ist mangelnder Respekt vor den Schöpfungen dieses Geistes auch so zutiefst sündhaft.

Ich dachte immer, nur dieses Land wäre innerlich bis auf den Grund verwüstet, aber dann schickte mir ein Freund aus seinem Land, das sich noch immer Königreich nennt, dies:


Schönheit ist ein Ding, das schwer zu erringen ist, das der Arbeit ganzer Geschlechter bedarf, aber schnell leichtfertig und unwiederbringlich zerstörbar ist. Und es ist immer ein zerstörter Geist, der in solcher Auslöschung wirkt.

Wir wollen Charles zugute halten, daß es auch dieses Bemühen war, etwas Bewahrenswertes in der Kunst festzuhalten, das ihn zu seiner Art von Malerei brachte, vielleicht.

"... und im letzten Jahrzehnt ihrer Größe schien den Engländern zum ersten Mal etwas von dem bewußt zu werden, was sie zuvor für selbstverständlich gehalten hatten, und daher ihr Bestreben, dem, was sie bisher zustande gebracht hatten, Respekt zu erweisen, im Moment seines Aussterbens. Daher mein Erfolg, der weit über meine Verdienste ging..."

„… and in the last decade of their grandeur, Englishmen seemed for the first time to become conscious of what before was taken for granted, and to salute their achievements at the moment of extinction. Hence my prosperity, far beyond my merits…”

"Der finanzielle Einbruch dieser Zeit … steigerte meinen Erfolg, was in der Tat selbst ein Symptom des Niedergangs war. Als die Wasser-Stellen trockenfielen, suchten Menschen an Orten zu trinken, die in Wahrheit Trugbilder waren. Nach meiner ersten Ausstellung wurde ich in alle Teile des Landes gerufen, um Porträts von Häusern zu schaffen, die bald verlassen oder entwürdigt werden sollten, ja, mein Eintreffen schien oft nur wenige Schritte vor den Auktionatoren stattzufinden, ein Vorbote des Untergangs."

“The financial slump of the period … served to enhance my success, which was, indeed, itself a symptom of the decline. When the water-holes were dry people sought to drink at the mirage. After my first exhibition I was called to all parts of the country to make portraits of houses that were soon to be deserted or debased; indeed, my arrival seemed often to be only a few paces ahead of the auctioneers, a presage of doom.”

Ein Einschub im Einschub: Zu den grotesken Wahrheiten des 1. Weltkrieges zählt, daß mit ihm „Sieger“ und „Besiegte“ gleichermaßen ein Erbe in die Luft sprengten, dessen es Jahrhunderte bedurft hatte.

Doch zurück zu Charles, nachdem wir in den genannten Bemerkungen eines dann doch vermissen, nämlich Empathie. Es war womöglich mehr, besagter Freund sprach von Charles Unbehaustheit, erklärend: „because he never fits into their world, he didn't fit into his, he was an immigrant with no community“. Und „his inspiration was from travels, he traveled Latin America like he did the family“.

Charles muß, warum auch immer, so etwas wie die Begegnung mit dem Paradies in Brideshead gespürt haben, und wir fürchten, es war dieses Gefühl, in das er verliebt war und von dem er zehrte, als Künstler. Nach der versiegenden Inspiration, die die Begegnung mit Brideshead gebracht hatte, suchte er jetzt in der Tat eine neue, indem er die Wildnis, die Vitalität aufsuchte, im südlichen Amerika. Es gibt eine ungemein erfolgreiche Ausstellung als Resultat und ein alter Bekannter stellt sich ein, Anthony Blanche:

"Mein Lieber, laß uns deine kleine Prahlerei nicht vor diesen schlichten Menschen entblößen... wir wollen ihnen doch nicht ihr unschuldiges Vergnügen verderben. Du und ich, wir wissen, daß das alles schrecklicher Sch-Sch-Schund ist. Laß uns gehen, bevor wir die Kenner beleidigen.“

„'Ich ging zu deiner ersten Ausstellung‘, begann Anthony; ‚Ich fand sie, – nun, charmant. Es gab eine Innenansicht von Marchmain House, sehr englisch, sehr korrekt, aber ziemlich delikat. ‚Charles hat etwas getan‘, sagte ich, ‚nicht alles, was er tun wird, nicht alles, was er tun kann, aber etwas.‘
Selbst dann noch, mein Lieber, wunderte ich mich ein wenig. Es schien mir, daß es da einen Tick von zuviel Vornehmheit in Deiner Malerei gab. Wenn ich Dich erinnern darf, ich bin kein Engländer; ich kann diese heftige Begier, von guter Herkunft zu sein, nicht verstehen. Englische Vornehmtuerei ist für mich noch makabrer als englische Moral. Aber ich sagte: 'Charles hat etwas Reizvolles getan. Was wird er als nächstes tun?'

Das nächste, was ich sah, war Dein sehr hübsches Buch ‚Dörfliche und provinzielle Architektur‘, hieß es nicht so? Ein ziemlicher Wälzer von Buch, mein Lieber, und was fand ich? Wieder viel Charme. ‚Nicht ganz mein Ding, dachte ich, dies ist zu Englisch für mich!‘ Ich habe eher diese Vorliebe für aufregende Sachen, wie Du weißt, nicht für den Schatten der Zeder, oder Gurken-Sandwiches ...

Dann, um ehrlich zu sein, lieber Charles, verzweifelte ich an Dir. ‚Ich bin ein degenerierter alter sch-sch-schmutziger Italiener‘ meinte ich zu mir, ‚und Charles‘ - ich spreche von deiner Kunst, mein Lieber – ‚ist die Tochter des Ober-Pfarrers in geblümtem Musselin.‘

Stell Dir meine Aufregung dann vor heute beim Mittagessen. Jeder sprach von Dir ... wie auch immer, jeder war auf Deiner Ausstellung gewesen, aber Du warst es, von dem sie sprachen, wie Du Dich fortgerissen hast, mein Lieber, fortgegangen, um in die Tropen zu entschwinden, um ein Gauguin zu werden, ein Rimbaud. Du kannst Dir vorstellen, wie mein altes Herz auf und nieder sprang ...

‚Aber die Bilder‘, sagte ich, ‚erzählt mir davon.‘

‚Oh, die Bilder‘, sagten sie: ‚die sind sehr sonderbar.‘

‚Ganz und gar nicht, was er normalerweise tut.‘ ‚Sehr kraftvoll.‘ ‚Geradezu barbarisch.‘ ‘Ich nenne sie rundheraus ungesund‘, sagte Mrs. Stuyvesant Oglander.

Mein Lieber, ich konnte mich kaum noch zu halten auf meinem Stuhl. Ich wollte aus dem Haus stürzen, in ein Taxi springen und sagen: ‚Bring mich zu Charles' ungesunden Bildern.' Nun, ich tat es, aber die Galerie nach dem Mittagessen war so voll von absurden Frauen ...

Dann kam ich zurück zu der recht unattraktiven 5 Uhr Zeit, völlig gespannt, mein Lieber, und was finde ich? Ich fand, mein Lieber, einen sehr frechen und erfolgreichen Schabernack. Es erinnerte mich an den lieben Sebastian, der es so liebte, sich mit falschen Bärten zu verkleiden. Wieder dieser Charme, mein Lieber, einfacher, cremiger englischer Charme, der den Tiger gab.‘

‚Du hast recht‘, sagte ich.

‚Mein Lieber, natürlich habe ich recht, ich hatte schon vor Jahren recht als ich Dich warnte - mehr Jahren, bin ich froh zu bemerken, als jeder von uns beiden zeigt. Ich hatte Dich zum Abendessen einladen, um Dich vor dem Charme zu warnen. Ich warnte Dich ausdrücklich und in aller Ausführlichkeit vor der Familie Flyte. Charme ist der große englische Pesthauch. Es gibt ihn nicht außerhalb dieser feuchten Inseln. Er befleckt und tötet alles, was es berührt. Es tötet die Liebe; es tötet die Kunst; und ich fürchte sehr, mein lieber Charles, es hat auch Dich umgebracht.‘ "

"My dear, let us not expose your little imposture before these good plain people ... let us not spoil their innocent pleasure. We know, you and I, that this is all t-t-terrible t-t-tripe. Let us go before we offend the connoisseurs."

"I went to your first exhibition," said Anthony; "I found it - charming. There was an interior of Marchmain House, very English, very correct, but quite delicious. 'Charles has done something,' I said; 'not all he will do, not all he can do, but something.'

"Even then, my dear, I wondered a little. It seemed to me that there was something a little gentlemanly about your painting. You must remember I am not English; I cannot understand this keen zest to be well-bred. English snobbery is more macabre to me even than English morals. However, I said, 'Charles has done something delicious. What will he do next?'

"The next thing I saw was your very handsome volume - Village and Provincial Architecture, was it called? Quite a tome, my dear, and what did I find? Charm again. 'Not quite my cup of tea,' I thought; 'this is too English.' I have the fancy for rather spicy things, you know, not for the shade of the cedar tree, the cucumber sandwich… Then, to be frank, dear Charles, I despaired of you. 'I am a degenerate old d-d-dago,' I said, 'and Charles - I speak of your art, my dear - is a dean's daughter in flowered muslin.'

"Imagine then my excitement at luncheon today. Everyone was talking about you… However, they had all been to your exhibition, but it was you they talked of, how you had broken away, my dear, gone to the tropics, become a Gauguin, a Rimbaud. You can imagine how my old heart leaped…"

'But the pictures,' I said; 'tell me about them.'

'"Oh, the pictures,' they said: 'they're most peculiar.'

'Not at all what he usually does.' 'Very forceful.' 'Quite barbaric.' 'I call them downright unhealthy,' said Mrs. Stuyvesant Oglander.

"My dear, I could hardly keep still in my chair. I wanted to dash out of the house and leap in a taxi and say, 'Take me to Charles's unhealthy pictures.' Well, I went, but the gallery after luncheon was so full of absurd women…
Then I came back at the unfashionable time of five o'clock, all agog, my dear; and what did I find? I found, my dear, a very naughty and very successful practical joke. It reminded me of dear Sebastian when he liked so much to dress up in false whiskers. It was charm again, my dear, simple, creamy English charm, playing tigers."

"You're quite right," I said.

"My dear, of course I'm right. I was right years ago - more years, I am happy to say, than either of us shows - when I warned you. I took you out to dinner to warn you of charm. I warned you expressly and in great detail of the Flyte family. Charm is the great English blight. It does not exist outside these damp islands. It spots and kills anything it touches. It kills love; it kills art; I greatly fear, my dear Charles, it has killed you.”

Soweit Anthony Blanche. Hat er recht?
Genügt es, das Glück, das vielleicht sogar Liebe war, als Erinnerung festzuhalten in der Malerei? Offenkundig ist Charles diese Erinnerung unter der Hand vertrocknet. Merkwürdig dabei, eigentlich gibt es Charles zweimal in „Brideshead Revisited“: Den Charles des Buches und den erzählenden Charles des Buches – der eine gescheitert als Künstler und ohne Liebe, der andere, der uns all dies so schildert, daß es uns das Herz schwer und zugleich glücklich macht. Doch woher dieser Zwiespalt. Sind das eine wir, dürftig und tatsächlich, und das andere der immer noch gewußte Entwurf dessen, dem wir nie gerecht wurden?

Unsere Gedanken sind nun weit wegmäandert von unserem Wunsch, die Würde der Schönheit zu verteidigen. Sagen wir es wenigstens noch in diesem einen Satz, ehe wir abbrechen: Die Kraft des Schönen ist, daß es die Seele ermutigt, das Häßliche aber, wenn es nicht von der Art ist, wo es zum Mitgefühl reizt, zieht sie hinunter in das Flache, Ununterschiedene, den versumpften Bodensatz unserer Existenz. In der Schönheit begegnet uns die Liebe Gottes zu seiner geschaffenen Welt.

Beendet am 14. März

Sonntag, 11. März 2012

"Jetzt schauen wir in einen Spiegel"

"The operation of divine grace on a group of diverse but closely connected characters" darzustellen, hatte Waugh sich in "Brideshead Revisited" vorgenommen, wie er in seinem Vorwort schreibt. 

Das ist ein schwieriges Unterfangen. Ist es vielleicht sogar ein unmögliches?

Schriftsteller sind keine Propheten; GOtt offenbart sich ihnen nicht anders als anderen Sterblichen:
"Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin." (1 Korinther 13, 12)
Auch Waugh kann nicht mehr, als das spirituelle Geschick seiner Gestalten im unvollkommenen Spiegel ihres irdischen Lebens zu zeigen. Und, wie jeder weiß, verkehrt sich im Spiegelbild das tatsächliche Antlitz.

Zu welchem Urteil also kommen wir über die Figuren, derem seltsamen Tanz wir zugesehen haben?

- Wer und was ist Sebastian? Ein heruntergekommener schwuler Alkoholiker - oder ein Heiliger?

- Und Lady Marchmain? Ist sie eine lieb- und gnadenlose Intrigantin, deren Berührung tödlich ist - oder ein Vorbild an Frömmigkeit?

-Und  "Bridey"? Sollen wir ihn einen kaltherzigen Pedanten nennen - oder einen Mensch, der die Welt sub specie aeternitatis sieht?

- Und was ist mit Cordelia? Ist sie eine hässliche alte Jungfer - oder der Inbegriff christlicher Caritas?

Vielleicht gibt es darauf keine einfache Antwort.

Vielleicht ist die Antwort, dass diese lächerlichen und sündhaften Menschen in den Augen Christi eben die Sünder sind, die zu rufen er gekommen ist, Sünder überdies, die den Weg der Nachfolge angetreten haben?

- Sebastian: "Is it nonsense? I wish it were. It sometimes sounds terribly sensible to me." (zu Charles über den Glauben)

- Lady Marchmain:  "When people wanted to hate God, they hated Mummy." (Cordelia zu Charles)

- "Bridey": "There is nothing wrong in being a physical wreck, you know. There´s no moral obligation to be Postmaster-General or Master of Foxhounds or to live to walk ten miles at eighty." (zu Charles über seinen Bruder Sebastian)

- Cordelia: "There was no past tense in Cordelia's verb 'to love'." (Charles über Sebastians jüngste Schwester)

In einer posthum veröffentlichten Briefsammlung Waughs habe ich diesen schönen Gedanken gefunden:
"Saints are simply souls in heaven. Some people have been so sensationally holy in life that we know they went straight to heaven and so put them in the calendar. We all have to become saints before we get to heaven....And each individual has his own peculiar form of sanctity which he must achieve or perish. It is no good saying, "I wish I were like Joan of Arc or St. John of the Cross." I can only be St. Evelyn Waugh - after God knows what experiences in purgatory." (The Letters of Evelyn Waugh, hg. von Mark Amory)
Während ich dieses Zitat abschreibe, fällt mir die Kapelle ein, die Lord Marchmain seiner Frau errichten ließ, eine Art-déco-Scheußlichkeit, die Charles beim ersten Anblick schaudern lässt.

Dem in ihr brennenden Licht gelten die letzten Worte des Romans:
""Something quite remote from anything the builders intended has come out of their work, and out of the fierce little human tragedy in which I played; something none of us thought about at the time: a small red flame – a beaten-copper lamp of deplorable design, relit before the beaten-copper doors of a tabernacle; the flame which the old knights saw from their tombs, which they saw put out; that flame burns again for other soldiers, far from home, farther, in heart, than Acre or Jerusalem. It could not have been lit but for the builders and the tragedians, and there I found it this morning, burning anew among the old stones."
Mag die Lampe auch hässlich sein, symbolisiert das von ihr geschenkte Licht doch die ewige Gegenwart Christi.

Charles Ryder verlässt die Kapelle getröstet und heiter

Freitag, 9. März 2012

Change

"Come mothers and fathers
Throughout the land
And don't criticize
What you can't understand
Your sons and your daughters
Are beyond your command
Your old road is
Rapidly agin'
Please get out of the new one
If you can't lend your hand
For the times they are a-changin'."
     — Bob Dylan, "The Times They Are A-Changin'" –1963

"Charles," said Cordelia, "Modern Art is all bosh, isn't it?"
"Great bosh."
"Oh, I'm so glad. I had an argument with one of our nuns and she said we shouldn't try and criticize what we didn't understand. Now I shall tell her I have had it straight from a real artist, and snubs to her."
   — Evelyn Waugh, Brideshead Revisited, ch. 6  –1944

The times in which the novel is set were certainly changing, but then they always are. The question is whether one understands the change well enough to criticize it, or just to deal well with it. A book which constantly returns to the question of faith and religion invites us to consider change sub specie æternitatis. I've only finished six of the thirteen chapters of the book, 177 of its 349 pages, but I am reminded — did I actually read the book years ago or only see this excerpt quoted somewhere? — of the final page, in the Epilogue, where Charles speaks of the red flame which the knights saw and which now burns again for other soldiers.

What does this "eternal flame" tell us about the changes of time, whether of time in general or of the time of the novel? Does it say that the changes are good? That they are bad? That they are indifferent? Of course there is no single answer. We can view the time from 1914 to 1945 as a time during which the world descended into chaos. But there is hope in the smaller scale of personal lives. I am currently reading two other books as well: What It Is Like to Go to War, by Karl Marlantes, who has likened his time in the infantry in the jungles of Viet Nam the Wolfram von Eschenbach's Parzival; and The Book Thief, by Markus Zusak, which tells of people living in a suburb of Munich during World War II. Both books, along with Marlantes' earlier novel of Viet Nam, Matterhorn, proclaim the possibility of real heroism on the part of seemingly very ordinary people in the midst of horrible circumstances.


This brings us to that very ordinary person in Brideshead Revisited, Hooper. To Waugh, he is symbolic of the change that has taken place in the officer corps and, by extension, in England, and he regards him with gentle amusement, a much more benign regard than his attitude toward the failing aristocracy represented by the Marchmains. They are figures of tragedy, he of comedy. It appears that to Waugh, change may produce a sense of nostalgia, but it is not simply evil. Hooper finds it amazing that one family could need or even use Brideshead Castle. Perhaps he speaks for Waugh.

Montag, 5. März 2012

Hochwürdiger Vater Symeon,
nun habe ich "Brideshead Revisited" beendet. Wirklich ein seltsames Stück Literatur, das man intensiv erforschen und durchdenken muß, um ihm gerecht zu werden. Der Todeskampf des Lords hat mich an das Hinscheiden der Großmutter in Gertrud von  le Forts "Schweißtuch der Veronika" erinnert. Schwer ist der Tod der Heiden. Möge es uns einmal leichter sein.
Und dann ist da noch immer Charles, dieser kalte und doch hochbegabte Mensch. Der Schönheit ist er auf die Spur gekommen, aber warum ist das Ergebnis so kläglich? Müßte er nicht durch das Schöne gleichzeitig mit dem Guten und Wahren in Berührung kommen? Was ist mit Kants Satz, "daß die Natur in ihrer Schönheit figürlich zu uns spricht und das moralische Gefühl sie auszulegen vermag"? Wie kann es mit Charles Familie, aber auch mit der ganzen Brideshead-Sippe so weit kommen inmitten der Schönheit von Natur und Kunst?
Und noch etwas: Kordelia ist anders, auch in Bezug auf die Schönheit. Sind denn Güte und Menschenfreundlichkeit der hohen Schönheit entgegengesetzt? Ich denke an die schmuddeligen russischen Klöster, welche ich gesehen habe, die stinkenden Mönche, ihren stillen Dienst an den Siechen. Meine Mutter meinte auch einmal in ihrer einfachen Art: "In der Kirche findest du kein Mädchen, das sich geschmackvoll zu kleiden weiß. Die Betweiber verstehen nichts von Stil." Wenn ich mich in den Kirchen umsehe, dann scheint mir das zuzutreffen, obwohl doch die kirchliche Kunst ihrerseits in einer sehr engen Beziehung zur Schönheit steht und sie lehren müßte.
Ihr Ioann

---

Lieber Ioann,
in seiner Hymne an die Schönheit schreibt Hölderlin:
"... So wall' ich ohne Zagen,
Durch die Liebe froh und kühn,
Lächelnd zu den Höhen hin,
Wo die letzten Nächte tagen,
Wo der Sonnen letzte schien."
Auf Höhen wohnt die Schönheit, zu der sich der Mensch - und das ist hier zentral - DURCH die Liebe erhebt. 
Haben Sie sich einmal Gedanken gemacht, welche Rolle im Evangelium die Liebe und welche die Schönheit spielt?
Als ich ihre Worte von den "stinkenden Mönchen" gelesen habe, da kamen mir die Franziskaner in den Sinn und ganz besonders ein Ereignis aus dem Leben des Ordensgründers, das Sie gewiß kennen, eine Schlüsselszene: Franziskus umarmt den Leprakranken. Da bricht etwas in der Persönlichkeit dieses Menschen auf, was Liebe gebiert. Die äußere Schönheit ist stets das Hinzukommende, aber wesentlich Neutralere: Sie kann auf das Wahre und Gute hinweisen, doch auch zur Ware und Droge werden. 
Christen sind wir, täglich frei,
aus der Schöpfung Vielfalt
unsre eigne Wahl zu treffen.
Wir werden in der Begegnung mit dem Schönen zurückverwiesen auf den Kern des Menschen, das Herz. Dort entscheidet sich - ich wage mit Überzeugung dieses Wort - alles. Die Väter lehren uns, daß das göttliche Leben mit der Katharsis des Herzens beginnt, in ihm gilt es die verschmutzte Schönheit der Ikone wiederherzustellen und vom Herzen aus, ich kehre zu Hölderlin zurück, erhebt sich der Mensch zur göttlichen Schönheit. 
Lassen Sie sich nicht von den jüngsten philosophischen Moden schrecken: Das göttliche Leben steht nicht unter mathematischen Gesetzen.
In Christo, Vater Symeon

---

Hochwürdiger Vater Symeon,
vergangenen Samstag besprachen wir im Pfarrgemeinderat die Einrichtung eines neuen Pfarrsaales, also das Ausmalen, neue Möbel, neue Toiletten, eine kleine Küche, Spieleecke und so weiter. Bislang sind wir in der Pfarre ja eine kleine Runde, aber wir hoffen, daß es mit dem neuen Pfarrer einen Aufschwung gibt. Die Mehrheit war an diesem Abend für die Pläne, da man sich ja als Pfarre den Neulingen von seiner besten Seite zeigen sollte und das auch viel attraktiver ist als die Räumlichkeiten im gegenwärtigen Zustand.
Da ist mir dann Hölderlin eingefallen, die Apostel, Franziskus und nicht zuletzt Charles Ryder... Ich muß gestehen, Vater Symeon, daß ich bei der Abstimmung geschwiegen habe, ich wollte nicht gegen den Strom schwimmen, aus Angst, aus Bequemlichkeit. Jetzt schäme ich mich dafür.
Ihr Ioann

Levkojen vor dem Fenster, und die Narzissen, wirklicher als alles

Levkoje, Matthiola incana

griechisch leukóïon, eigentlich Weißveilchen, zu: leukós = weiß und íon = Veilchen, nach den hell leuchtenden, veilchenartig duftenden Blüten (aus dem Duden)


..." unter dem Fenster wuchsen Levkojen, deren Duft an Sommerabenden die Zimmer füllte"...

Grund genug für Charles, sein Zimmer im Parterre entgegen dem gut gemeinten Rat seines Vetters nicht zu wechseln. Kennt Ihr Levkojen? Das sind Blumen, die in alten Bauerngärten zu finden sind, wie etwa Goldlack. Sie gehören auch zur selben Familie. Beide sind Kreuzblütler, beide sind Duftpflanzen. Levkojen - oh, riechen die gut! Besonders in den Abendstunden verströmen sie einen betäubenden Duft, um die Nachtschwärmer anzulocken, die sie befruchten. Nachtschwärmer - da meine ich die Schmetterlinge, die Falter, nicht etwa Sebastian. Und doch, auch auf Sebastian trifft das zu. Er ist ein "Nachtschwärmer", als er zum ersten mal an Charles Zimmer halt macht. Genau die Sorte, vor der Vetter Jasper gewarnt hatte! Trotzdem, so wenig angenehm der Betrunkene in diesem Moment erscheint - als Charles ihn wieder trifft zur ersten Einladung zum Abendessen, beschreibt er ihn so: "Er war zauberhaft, von jener geschlechtslosen Schönheit, die in der Jugend allzu überschwänglich nach Liebe dürstet und beim ersten kalten Windhauch verwelkt." 


Ein Nachtfalter, auf der Suche nach Levkojen -
 "warum duften die Levkojen soviel schöner bei der Nacht....warum ist in meinem Herzen so die Sehnsucht auferwacht" Theodor Storm 
(die Zeilen mit den "brennendroten Lippen zu küssen in der Nacht" lasse ich in diesem Zusammenhang mal lieber weg, obwohl sie mir auch zu denken geben!)


Levkojen sind eigenartig. Sie führen einen in die Irre. Ihre üppig gefüllten Blüten und ihr überströmender Duft lassen an Fruchtbarkeit denken.  Wenn man sich ein Tütchen Samen kauft und sie aussät, wachsen bald die Keimlinge heran. Da stutzt man und überlegt: Was ist mit denen los? Einige sind von einem kräftigen Dunkelgrün. Andere wieder sind ganz zart hellgrün, fast gelblich. Man überlegt, ob man nicht die hellen wegwerfen sollte, ob sie nicht vielleicht zu wenig Licht, zuviel Wasser abbekommen haben. Aber nicht doch, tut das ja nicht! Denn aus den hellgrünen Keimlingen wachsen die wunderbaren gefüllt blühenden Rispen heran. Hingegen die Dunkelgrünen, Saftigen, Gesunden - sie sind einfache langstielige Kreuzblütler, erinnernd an manche Kohlarten, mit knackigen Blättern und Stängeln. Wenn man sich ihnen mit der Nase nähert, riecht man es auch: Kraut, Kohl - Gemüse.







Das Fatale ist nur: Allein dieses "Gemüse" ist fruchtbar. 

Charles hat sich die prächtige Gartenlevkoje gewählt. So wählt er sich auch Sebastian. Wäre der "Kohl" unter seinem Fenster gewesen, so hätte er womöglich Jaspers Rat befolgt. Die Blüte ist ein Wendepunkt im Leben der Pflanze. Die Wahl der Levkoje ist ein Wendepunkt im Leben von Charles Ryder! 

Wenig später, nach dem Besuch im botanischen Garten, (den Sebastian schon längst als wesentlich erkannt hat), merkt Charles bei der Rückkehr in sein Zimmer, dass sich etwas verändert hat.

 "Es lag etwas Steriles in der Luft, was mich bis dahin nicht gestört hatte. Nichts außer den goldgelben Narzissen schien wirklich zu sein."




In diesem Augenblick hat Charles erfahren, dass eine andere Wirklichkeit in sein Leben eingetreten ist. Oder: Er ist eingetreten in einen Garten. Endlich erlebt er den Weg durch die "verborgene Pforte" in den verzauberten Garten, und, wie anschließend beschrieben, er erfährt eine Kindheit, wie er sie noch nicht gekannt hat. Er fängt an zu spielen. Er hat einen Spielgefährten. Später wird er sagen: "Er war der Vorläufer". Immer sind die Gefährten der Kindheit die "Vorläufer", mit denen das spätere Erwachsen-Sein geübt wird, oder? 
Bei Wikipedia habe ich etwas Interessantes über Narzissen gelesen. Es stammt aus der islamischen Kultur, könnte aber auch christlich sein







Schau an der Erde Gärten und betrachte
die Spur des Künstlerwerks von Gott dem Herrn,
wo Silberaugen, in die Höhe blickend
mit wie aus Gold geschmolznem Augenstern
auf dem smaragdnen Stiele Zeugnis geben,
dass Gott erkennet keinen Nebenherrn. (zit. n. Schimmel, 2001, S. 99)

Dort findet man außerdem einen Mohammed zugeschriebenen Ausspruch:

Wer zwei Brote hat, verkaufe eines und kaufe sich Narzissenblüten dafür; denn Brot ist nur dem Körper Nahrung, die Narzisse aber nährt die Seele. (zit. n. Krausch, 2003, S. 305)

Bei MartininBroda fand ich eine Übersetzung des berühmten Gedichtes von Willliam Wordsworth


Ich wandert' einsam
wie die Wolk' 

Ich wandert' einsam wie die Wolk',
Die über Tal und Hügel zieht.
Da sah ich, daß ein ganzes Volk -
Ein Heer! - von Goldnarzissen blüht;
Am See, wo Steine moosig sind,
da tanzen flatternd sie im Wind.

Wie lange Reih'n von Sternen, die
Hell schimmern auf im Überschwang,
So zieht der Blumen Galaxie
Dem Ufer einer Bucht entlang:
Zehntausend Blumen sieht mein Blick
Im Tanz, den Kopf gewandt zurück.

Gleich ihnen, Wellen tanzen heut,
Doch Blumen tanzen froher noch.
Der Dichter selbst fühlt Fröhlichkeit
In solcher heit'ren Menge doch.
So starrt' ich - starrt' - doch merkt' ich nicht
Welch' Schatz mir brachte diese Sicht:

Lieg' jetzt ich auf der Couch allein,
Oft still verträumt, oft denkbereit,
Erscheinen sie dem Auge mein
Als Wonne meiner Einsamkeit:
Dann füllt mein Herz mit Glück sich ganz
Als Tänzer im Narzissentanz.
(Übersetzung von Walter A. Aue)


Welch Schatz mir brachte diese Sicht.....

Diese Sicht bringt für Charles in der Hauptsache eines: Die Fähigkeit, ein Kind zu werden, und die Gabe, ein Künstler zu sein. 
"Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder,  wird das Himmelreich euch nicht gehören." 

Nun kommt es darauf an, ob er den "Schatz" heben wird!  Es gibt so viele Blüten, so viele Wendepunkte.







..

Samstag, 3. März 2012

"So small a thing to ask"

Dickens schrieb sie, Thackeray schrieb sie, George Eliot schrieb sie: Das neunzehnte Jahrhundert liebte Sterbebettszenen.

Es ist, als müsste sich das Jahrhundert des schwindenden Glaubens noch einmal der einen Sache vergewissern, die unbezweifelbar ist: Hier ist des Bleibens nicht, wir alle müssen dahin.

Omnes una manet nox.

Und so sehen wir die Guten dahingehen, getröstet im Glauben, und die Schlechten, am Ende eines üblen Erwachens gewiss. Und versammelt um die Scheidenden die andren, die nach dem letzten Akt ins Leben zurückkehren, ernüchtert und gestärkt im Glauben.

Man liest diese Szenen heute nicht ohne Unbehagen. Man fühlt die Absicht, und man ist verstimmt.

"Brideshead Revisited"  kulminiert in einer solchen Sterbebettszene, was das Unzeitgemäße des Romans unterstreicht, der auf den ersten Blick so modern, so urban und sophisticated daherkommt.

Der Herr des Hauses stirbt, Lord Marchmain, ein Exilant, der zum Sterben heimgekehrt ist, die ungeliebte Geliebte an seiner Seite, und Katholik nur aus Konvenienzgründen.

Er will nicht sterben, ganz und gar nicht, er klammert sich mit aller Kraft (und er ist auch noch im Alter ein kraftvoller Mann) ans Leben, und als sein frommer Sohn einen Priester ruft, kommt es zu einer höchst unerfreulichen Szene und zur Enterbung Brideys.

Aber Lord Marchmains Überlebenskampf kann die Agonie nur verlängern; wer in diesem Kampf obsiegen wird, ist nie zweifelhaft.

Und so entspinnt sich die Kontroverse um die last rites erneut, diesmal nicht zwischen Bridey und dem Vater, sondern zwischen dem Agnostiker Charles Ryder und seiner Geliebten Julia, der selbstbekennenden 'halben Heidin', für die es in diesem Zwist um alles geht: die ewige Seligkeit nämlich - nicht nur die ihres todgeweihten Vaters, sondern auch ihre eigene, dämmert ihr doch, dass kein Segen dabei ist, mit einem (und sei es auch noch so geliebten) Mann in Sünde zu leben.

Charles, nicht gewillt, kampflos aufzugeben, verwickelt - darin dem verachteten Rex Mottram sehr ähnlich - die Familie in eine nutzlose theologische Kontroverse und ruft die säkulare Weisheit des Jahrhunderts in Gestalt eines Arztes zur Hilfe; umsonst, denn Julia hat sich längst entschieden.

Der wenige Wochen zuvor von Lord Marchmain noch des Zimmers verwiesene Priester wird erneut gerufen.

Charles Ryder aber überrascht sich selbst im Gebet um ein Zeichen:
"I suddenly felt the longing for a sign, if only of courtesy, if only for the sake of the woman I loved who knelt, I knew, praying for a sign. It seemed such a small thing that was asked - the bare acknowledgement of a present. A nod in a crowd. I prayed more simply: 'God forgive him his sins and please, God, make him accept your forgiveness.' So small a thing to ask."
Und das Wunder geschieht: Nachdem ihm das Sterbesakrament gespendet worden ist, bekreuzigt sich der schon bewusstlose und doch reuige Sünder mit letzter Kraft und stirbt.

Viele Literatenfreunde haben sich betreten von Waugh abgewendet, der in dieser Szene seine beträchtlichen schriftstellerischen Fähigkeiten in den Dienst unartistischer Erbauungsliteratur gestellt zu haben scheint.

Und verlässt Waugh hier nicht tatsächlich den Königsweg realistischer Literatur, die eben mit der Verbannung göttlichen Wirkens aus dem menschlichen Treiben anhebt? Ist es nicht ein enormer (nicht nur künstlerischer, sondern: geistiger) Rückschritt, Gott wie einen 'deus ex machina' zur Auflösung des Romankonfliktes zu bemühen?

Ich denke nicht, dass es auf diese Fragen eine neutrale Antwort gibt.

Dem einen mag die Szene gestellt erscheinen, effekthascherisch und unglaubwürdig, für den anderen spricht sie eine Wahrheit aus, für die seit zweitausend Jahren Millionen gelebt haben und gestorben sind: die Wahrheit über das menschlich-unmenschliche Treiben, das eben eines Gottes bedarf, um nicht ganz und gar unheilvoll zu enden.
So small a thing to ask?
Wir kennen den Preis, der für die Vergebung unserer Sünden gezahlt worden ist.

Rogier van der Weyden, Christus am Kreuz, um 1460